Die großen Potenziale der Beweidung
von Anita Idel
Die Gesamtfläche der Grasland-Ökosysteme bietet den wichtigsten Beleg für das generelle Potenzial dieser Koevolution zwischen Grasland und Weidetieren: Nicht trotz, sondern wegen der Beweidung bewächst Grasland mehr globale Landfläche als jede andere Pflanzengesellschaft. Fehlt dauerhaft der Koevolutionspartner Weidetier, verbuscht oder verwaldet Grasland.
Über die beidseitige anatomische und physiologische Adaptation hinaus ist die biologische Vielfalt entscheidend für diesen Erfolg. Sie basiert auf der Wirkung der Beweidung auf die Ausgangspflanzengesellschaft: nicht gleichmäßiges Fressverhalten ebenso wie nicht gleichmäßig, sondern wie „Hotspots“, verteilte Exkremente.
Bevor Herbizide und flächige Düngung sie beeinträchtigten, speicherten die Samenbanken der Böden eine enorme regionalspezifische Pflanzenvielfalt. Über die sehr rasche Reaktionsfähigkeit (kurze Generationsfolge) hinaus garantierte dieser vielfältige Pool an Arten eine extrem flexible Anpassungsfähigkeit.
Die Klimakrise führt dazu, dass sich Lebensbedingungen auch für das Grasland-Biom sehr schnell ändern können. Umso mehr benötigt Grasland nachhaltige Beweidung, um resilient zu bleiben – bzw. wieder zu werden: Sie erhält den Bewuchs, schützt vor Erosion und fördert das ober- und unterirdische Pflanzenwachstum, die Bodenbildung und damit das Wasserspeichervermögen.
Die pflanzliche biologische Vielfalt der Graslandökosysteme generiert Nahrung für die Weidetiere ohne Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Auch deshalb ist sie so relevant für die menschliche Ernährung (vgl. Artikel Fleischkonsum).
Resilienz: Biologische Vielfalt des Grasland-Bioms
Die Resilienz des Grasland-Bioms basiert auf der Artenvielfalt der Gräser, Kräuter und Leguminosen und deren genetischer Vielfalt; damit verbunden ist die Vielfalt der Klein- und Kleinstlebewesen einschließlich der Regenwürmer, der Wühler und ebenso der Mikroorganismen.
Im Verlauf der Koevolution trugen jeweils verschiedene Arten von Weidetieren zu dieser Vielfalt bei. Im Rahmen der Haustierzüchtung (Domestikation) haben sich für viele Regionen der Welt Rinder als Nachkommen der Auerochsen und Wasserbüffel als geeignet für nachhaltige Beweidung erwiesen:
Weil sie mit ihrem breiten Maul nicht so selektiv weiden, können sie auch als alleinige Tierart resiliente Weidesysteme erhalten. Damit Beweidung ihre Potenziale entfalten kann, muss das Beweidungsmanagement jeweils zeitnah flexibel an die Wetterverhältnisse angepasst werden. Die biologische Vielfalt wird durch Übernutzung immer beeinträchtigt. In Dürrephasen, ebenso wie bei zu viel Nässe, steigen zudem Risiken durch Schädigung der Grasnarbe.
Beweidung – eine so wirksame wie anspruchsvolle Antwort auf die Klimakrise
Die Klimakrise stellt hohe Anforderungen an das Weidemanagement, um die Resilienz der Grasland-Ökosysteme zu erhalten. Beweidung bietet den entscheidenden Schlüssel – durch Mobilität. Denn die Zunahme von Wetterextremen – Dürrephasen ebenso wie Starkregenereignisse – erfordert immer häufiger, die Nutzung des Graslandes zeitnah an wechselnde Verhältnisse anzupassen. Denn nur die Mobilität der Weidetiere ermöglicht, zeitnah flexibel zu reagieren .
Dabei erweist sich die Erkenntnis „Its the how not the cow!“ Seit Zäune die Weidetiere und deren Auswahl begrenzen, entscheiden Menschen über das „Wie“: Das ist einerseits durch die Anpassung der verfügbaren Weidefläche bzw. der Verweildauer (Zeit pro Fläche) möglich und andererseits durch eine Änderung der Besatzstärke (Tierzahl). Da aber eine Änderung der Tierzahl die Herdenstruktur erheblich verändert, ist i.d.R. die Anpassung der Flächengröße bzw. der Verweildauer vorzuziehen.
Beweidung: Für Bodenbildung und Wasserrückhalt in der Landschaft
Nachhaltige Beweidung schützt den Boden vor Erosion und Austrocknung durch den Erhalt einer dichten Grasnarbe – aus vielfältigen Gräsern, Kräutern und Leguminosen. Ihr Wurzelraum (Rhizosphäre) ist entscheidend für das Wasseraufnahme- und -speichervermögen.
Das große Potenzial der Gräser zur Bodenbildung und Generierung von Bodenfruchtbarkeit beruht auf drei Säulen. Dabei wirken nachhaltiges Beweidungsmanagement und auch die Vermeidung von Bodenverdichtung als entscheidende Rahmenbedingungen.
- Der Wachstumsimpuls, ausgelöst durch die Beweidung, erhöht die Photosyntheseleistung der Gräser, sodass sie vermehrt Biomasse generieren. Die Wurzelbiomasse der Gräser besteht überwiegend aus Feinwurzeln; diese weniger als zwei mm feinen Würzelchen sind entscheidend für die Bodenbildung.
- Graslandschaften entwickeln mit ihren Feinwurzeln ein dichtes Netzwerk. Es trägt zu einer Schwammstruktur bei, die die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens entscheidend verbessert. Gleichzeitig ermöglichen Feinwurzeln den Gräsern eine effiziente Wasseraufnahme, die dadurch in Trockenperioden über eine erhöhte Resilienz verfügen.
- Die meisten Blütenpflanzen sind einjährig. Deshalb investieren sie einen wesentlichen Teil ihrer mit der Photosynthese aufgenommenen Energie in die Bildung von Blüten und Samen. So können sie in der nächsten Wachstums- bzw. Vegetationsperiode an anderer Stelle neu keimen. Durch das besondere Merkmal ihrer Koevolution können Dauergräser diesen Energieaufwand einsparen. Diese Energie steht dann insbesondere für die Wurzel- und Bodenbildung zur Verfügung.
Weidehaltung ermöglicht dem Herdentier Rind ein weitgehend natürliches Fress- und Sozialverhalten sowie direktes Sonnenlicht, Regen oder Schatten.
Einige Aspekte der Rindergesundheit auf der Weide
Die Koevolution entwickelte sich über Millionen Jahre, in denen es weltweit keine Zäune gab. Weidetiere erschlossen sich bei Bedarf neue Futtergründe. Instinktiv suchten sie sich dabei – über ihren Nahrungsbedarf hinaus – die jeweils jahreszeitlich verfügbaren Pflanzen für ihren Bedarf an Mineralstoffen und Spurenelementen sowie Bitterstoffe und anderen sekundäre Inhaltsstoffe.
Die Züchtung und die damit verbundenen Zuchtziele entscheiden darüber, ob Rinder genetisch „weidetauglich“ sind. Über Jahrzehnte sind Hochleistungsrinder immer weiter von ihrer natürlichen Futtergrundlage „weggezüchtet“ worden, so dass sie nicht mehr überwiegend von der Weide satt werden können.
Weidehaltung ermöglicht dem Herdentier Rind ein weitgehend natürliches Fress- und Sozialverhalten sowie direktes Sonnenlicht, frische Luft – und auch mal Regen. Ausreichend Wasser sowie trockener und schattiger Platz für alle Rinder zählen zu den Mindestvoraussetzungen.
In Vollweidesystemen decken Rinder (Milchkühe) ihren täglichen Futterbedarf (während der Vegetationsperiode) ganz oder fast vollständig auf der Weide. Da ihre Gesundheit auf einer quantitativ und qualitativ ausreichenden Futtergrundlage s. o. – einem vielfältigen Bewuchs – basiert, erfordert das ein nachhaltiges Beweidungsmanagement.
Auch manche Giftpflanzen zählen zum natürlichen Weidespektrum. Sie können einen prophylaktischen oder therapeutischen Zweck (zum Beispiel gegen Würmer) erfüllen. Das aber erfordert zwingend, dass immer ausreichend Weidefutter verfügbar ist; denn sie müssen allein aus Instinkt und dürfen nie aus Hunger gefressen werden, um nicht zu schaden.
Hirten wie hier die Massai sind von transhumanter saisonaler Weidewirtschaft existenziell abhängig.
Menschliche Ernährung und Gesundheit
Die letzte Kaltzeit begann vor circa 115.000 Jahren und endete vor circa 12.000 Jahren. Temperaturen über dem Gefrierpunkt ermöglichten Wachstum in Grasland-Ökosystemen – und damit Futter für Weidetiere. Sie konnten Menschen außerhalb der Vegetationszeit Nahrung bieten und auch innerhalb, insbesondere, wenn nicht ausreichend essbare Pflanzen wie Früchte und Nüsse reif geworden waren. Heute wachsen an Kälte adaptierte Gräser bereits bei fünf Grad Celsius und bieten frisches Futter.
Für Europa ist eine 130.000 Jahre währende Koevolution von Auerochsen und Menschen belegt. Die Entwicklung beider Spezies gilt als verflochten („intertwined“) (Rossi et al. 2024). Im Rahmen der Domestikation entwickelten sich in Eurasien und Afrika vielerorts menschliche Gesellschaften, die ökologisch und ökonomisch auf einer Rinderkultur basierten – mit Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit, als Arbeitstier und für die Ernährung.
Heute wird die Zahl der Menschen, die direkt und indirekt von transhumanter saisonaler Weidewirtschaft mit Rindern abhängig sind, auf 500 Millionen geschätzt: Hirt:innen, wie in West-, (Peul / Fulani) und in Ostafrika (Massai) sowie in Kasachstan und der Mongolei. Sie folgen den Regenzeiten bzw. wandern zwischen Sommer- und Winterweiden. Als vertikale Transhumanz gilt das Verbringen auf Bergweiden wie in den Alpen.
2026 ist das United Nations International Year of Rangelands & Pastoralists (IYRP). Auf Deutsch wurde es (zu) frei übersetzt: Internationales Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums der Vereinten Nationen 2026. Im Zentrum steht der individuelle Beitrag der Hirt:innen zum Erhalt der Weidelandschaften und damit für die (Welt-)Ernährung (IYRP 2026).
Exkurs Gesundheit: Von der Beweidung zum Bauernhofeffekt
In Mitteleuropa verdichteten sich seit den 1970er Jahren Vermutungen, wonach Rinder positive Effekte auf die menschliche Gesundheit haben. Dabei lag der Fokus – z.B. in Deutschland und in Frankreich – auf Milchviehbetrieben, der dominierenden Form der dortigen Rinderhaltung.
Inzwischen gilt es als wahrscheinlich, dass Schlüssel-Mikroorganismen des menschlichen Darms, die auch bei Rindern vorkommen, auch von Rindern stammen. Beim Vergleich des mikrobiellen Erbguts wurden inzwischen 62 gemeinsame Gene identifiziert (Park 2024).
In den frühen 1990er Jahren begannen (Langzeit-)Versuche zu Erkrankungen ab der Geburt. Im Ergebnis belegen sie positive Effekte auf die menschliche Gesundheit – auch unabhängig vom Verzehr von Rohmilch. Signifikant weniger Fälle von Asthma, Allergien und Autoimmunkrankheiten erlitten Kinder, die auf Milchviehbetrieben aufgewachsen waren (von Mutius 2019). Aber diese Effekte treten immer seltener auf – die Gründe:
- auf der Seite der Menschen: Der generelle Rückgang der mikrobiellen Vielfalt durch das Leben in Städten und der zunehmende Verzehr verarbeiteter Nahrungsmittel werden inzwischen als Risiko eingeschätzt (Pennisi 2024, Morais et al. 2024).
- auf der Seite der Milchviehbetriebe: durch ihren Niedergang in der Breite und durch die zunehmende Industrialisierung der verbleibenden Betriebe (Pennisi 2024).
Erstmals konnten nun die – insbesondere für den Schutz vor Asthma – entscheidenden Bakterien in der Stallluft identifiziert werden: Sie stammen aus dem Verdauungstrakt der Kuh und können auch von Menschen leicht eingeatmet werden. Damit wurde zum ersten Mal die gesamte biologische Kette hinter dem Bauernhof-Effekt sichtbar: Kuh → Stallluft → Bakterien → Stoffwechselprodukte → menschliche Rezeptoren → Schutz vor Asthma (LMU 2026).
Diese Potenziale der Rinderhaltung für die menschliche Gesundheit sind ein weiteres wichtiges Argument, den massiven Rückgang traditioneller Milchviehbetriebe nicht nur zu stoppen, sondern deren Neugründung zu fördern.
Aber vorerst haben auch die wegweisenden Erkenntnisse in der Humanmedizin nur dazu geführt, einen therapeutischen Forschungsschwerpunkt zu etablieren: Auf dieser Basis sollen Medikamente gegen Asthma, Allergien und Autoimmunkrankheiten entwickelt werden (von Mutius 2025). Das generelle Potenzial nachhaltiger Rinderhaltung für die menschliche Gesundheit steht dabei nicht im Fokus.
Autorin
Anita Idel
Dr. med vet. Anita Idel ist freie Wissenschaftlerin, Lehrbeauftragte und Wirtschaftsmediatorin. Sie war Mitbegründerin u.a. der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (AGKT) 1982 und des Gen-ethischen Netzwerks (GeN) 1986, war Lead-Autorin des UN-Weltagrarberichtes (IAASTD) 2005 bis 2009 und engagiert sich u.a. in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). A.I. arbeitet aus evolutionsbiologischer und kulturhistorischer Perspektive zur Koevolution von Grasland und Weidetieren – dem Potenzial nachhaltiger Beweidung für Bodenfruchtbarkeit, biologische Vielfalt, Klimaentlastung und (Welt-)Ernährung.
Kontakt
www.anita-idel.de
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- IYRP (2026) https://weidelandschaft-hirtentum.de/aktionen-internationales-jahr-2026/ (07.August2026)
- LMU (2026) Der Bauernhof-Effekt, so klar wie nie zuvor. Pressemitteilung vom 28.Juli 2026. https://www.lmu-klinikum.de/newscenter/pressemitteilungen/der-bauernhof-effekt-so-klar-wie-nie-zuvor/e1c2b58a3f6fc69d (08.August 2026)
- Mathes, M. (2025) Rundgespräche Forum Ökologie, Bd. 47 »Die unbekannte Welt der Mikrobiome«, S. 121-128. https://publikationen.badw.de/de/045424636/045424636%5BCC%20BY-ND%5D%7B11%20von%20Mutius%20%28Die%20Rolle%20des%20Umweltmikrobioms%20in%20der%20Asthma-%20und%20Allergieentstehung%29%7D.pdf (08.Aug2026)
- Moraïs S, Winkler S, Zorea A, Levin L, Nagies FSP, Kapust N, Lamed E, Artan-Furman A, Bolam DN, Yadav MP, Bayer EA, Martin WF, Mizrahi I. Cryptic diversity of cellulose-degrading gut bacteria in industrialized humans. Science. 2024 Mar 15;383(6688):eadj9223. doi: 10.1126/science.adj9223.
- Pagani G, Loss G, Pechlivanis S, Depner M, Müller C, Ru J, Strunz-Lehner C, Humphrey G, Ackermann G, Amir A, Melnik A, Garg N, Knight R, Dorrestein PC, Schmitt-Kopplin P, Deng L, Schloter M, Divaret-Chauveau A, Roduit C, Karvonen AM, Genuneit J, von Mutius E, Ege MJ. (2026) Gram-Positive Bacteria and the Inverse Association between Farm Exposure and Childhood Asthma. NEJM Evid. 2026 Aug;5(8):EVIDoa2500271. doi: 10.1056/EVIDoa2500271
- Park, J. (2024) Cow Gut Microbes Transferred to Humans, Aiding Digestion. Ben-Gurion University, Israel https://www.dongascience.com/en/news/64298 (09.August2026)
- Pennisi, E. (2024): Some of our key gut microbes likely came from cows—and we’re losing them. https://www.science.org/content/article/some-our-key-gut-microbes-likely-came-cows-and-we-re-losing-them (09.Aug2026)
- Rossi, C., Sinding, MH.S., Mullin, V.E. et al. The genomic natural history of the aurochs. Nature 635, 136–141 (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08112-6.
- von Mutius, E. (2025) mündliche Mitteilung 18. Februar 2025.
- von Mutius, E. (2019): Die Rolle des Umweltmikrobioms in der Asthma- und Allergieentstehung. https://publikationen.badw.de/de/045424636/045424636%5BCC%20BY-ND%5D%7B11%20von%20Mutius%20%28Die%20Rolle%20des%20Umweltmikrobioms%20in%20der%20Asthma-%20und%20Allergieentstehung%29%7D.pdf (10. August 2026).