Was macht Dauergrünland und Beweidung einzigartig? 

von Anita Idel

Einzigartige Koevolution: Gräser haben sich über weit mehr als 5 Millionen Jahre so sehr an Weidetiere angepasst, dass sie nicht trotz, sondern wegen der Beweidung wachsen.  

Das Alleinstellungsmerkmal von Dauergrasland: Weidetiere sind sein intrinsischer Bestandteil. Denn für die Entstehungsgeschichte der Grasland-Ökosysteme sind ebenso wie für deren weitere Entwicklung beide Anteile – der pflanzliche und der tierische – gleich wichtig.  

Im Rahmen ihrer Koevolution haben sie sich wechselseitig sowohl anatomisch als auch physiologisch aneinander angepasst. So wurden Gräser zu den einzigen Pflanzen, die sogar davon profitieren gefressen zu werden: Der Biss* (Abriss) löst bei ihnen einen Wachstumsimpuls aus (Idel 2024). 

Mit der Beweidung entwickelte Dauergrasland enorme biologische Vielfalt und auch dadurch flexible Anpassungsfähigkeit. So wurde es zum größten Ökosystem auf dem Land: Heute bedeckt Dauergrasland circa 40 Prozent der globalen Landfläche (Zhang et al. 2026) und macht weltweit 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus (Phukubye et al. 2022). 

Ohne Beweidung fehlt dem Grasland eine Hälfte – sein Koevolutionspartner Weidetier. Der Entzug von Biomasse durch Beweidung zählt zur Natur des Dauergraslandes (Chytry et al. 2022).  

Infolge der Koevolution, verbuscht oder verwaldet Dauergrasland, wenn es dauerhaft nicht beweidet oder gemäht wird (Baggio et al. 2021). 

* Dieser Effekt kann durch Mahd imitiert werden 

Wie haben sich Gräser durch Koevolution an den „Biss“ (Abriss) angepasst? 

Dauergrasland ist über Millionen Jahre in einer einzigartigen Koevolution mit Weidetieren entstanden. Das Alleinstellungsmerkmal der Gräser: Sie können infolge der anatomischen und physiologischen Anpassung sogar von Beweidung profitieren. Alle anderen Pflanzen versuchen, nicht gefressen zu werden.  

Gräsern kann der „Biss“ nicht schaden, weil sie ihren Wachstumsknoten verlagert haben. Er liegt unten, d.h. bodennah. So stört das Tiermaul nicht die Wachstumszone, aus der heraus ein Grashalm (weiter-)wächst.  

Der Grashalm wächst somit nicht durch Verlängerung an seiner Spitze wie z.B. ein Baum. Deshalb behält er oben seine gerade Abrisskante, wenn er nach der Beweidung aus seiner Basis – von unten – weiterwächst. 

Andere Pflanzen wachsen, in dem sie den Spross oben an ihren Triebspitzen verlängern. Deshalb stirbt eine Pflanze, die wie ein Baumschössling nur über einen einzigen Spross verfügt, ab, wenn dieser abgefressen wird.  Grasland bleibt durch seinen Koevolutionspartner erhalten. Beweidung löst bei den Gräsern einen Wachstumsimpuls aus. Ohne die Weidetiere bzw. die Mahd, die diesen Effekt auf das Wachstum ebenfalls auslöst, verbuscht oder verwaldet es. 

Grassamenstände

Gräser bilden nur dann Samen, wenn sie nicht beweidet werden.

Warum profitieren Gräser durch die Koevolution vom „Biss“ (Abriss)?  

Beweidung fördert das Wachstum der Gräser. Sie löst bei ihnen einen Wachstumsimpuls aus, der sie stimuliert, ihre Photosyntheseleistung zu erhöhen: So nehmen sie mehr CO2 aus der Atmosphäre auf. Mit dieser Energie bilden sie neues, physiologisch aktives Gewebe („compensatory“ or „stimulated“ growth). Dadurch entsteht insgesamt mehr Gräserbiomasse.  

Eine weitere mit der Koevolution verbundene Besonderheit:  Gräser investieren weniger Energie in die Blütenbildung: Denn Gräser bilden nur dann (so wie die anderen Blütenpflanzen) Samen, wenn sie nicht beweidet werden. Gräser bilden natürlicherweise von der Energie, die sie mit der Photosynthese aufnehmen, mehr unterirdische Wurzelbiomasse als oberirdische Gräserbiomasse (Vgl. Abschnitt 1.6). Infolge des Wachstumsimpulses steht dann noch mehr Energie auch für die Bildung von Wurzeln und Wurzel-Exsudaten zur Verfügung (Chari et al. 2024, Bisatz 2025).

Mit dieser energiereichen Nährlösung „füttern“ die Graswurzeln Bodenlebewesen, insbesondere Mikroorganismen, und tragen so – über die Verrottung ihrer Wurzeln hinaus – wesentlich zur Humusbildung bei. Somit profitieren Gräser davon, dass sie einen wesentlichen Teil ihrer Energie aus der Photosynthese in die Generierung ihrer eigenen Nährstoffgrundlage investieren. 

Hingegen verwenden viele andere Pflanzen einen erheblichen Teil ihrer Energie dafür, sich gegen die Beweidung zu wehren – zum Beispiel mit Dornen und Stacheln und besonders auch mit Bitterstoffen. 

Erfolgsgeschichte Koevolution – wie wurden Graslandökosysteme zum größten Biom? 

Heute bilden Graslandökosysteme das größte terrestrische Biom: Keine Pflanzengesellschaft bedeckt mehr globale Landfläche. Grasländer überstanden in Koevolution, d.h. gemeinsam mit ihren Weidetieren, auch die letzte Kaltzeit. 

Zu Beginn einer Kaltzeit binden Gletscher mit zunehmender Kälte immer mehr Wasser. Sukzessive vertrocknen dann mit ausbleibendem Regen Solitäre und Wälder wegen ihres hohen Wasserbedarfs. Bei steigenden Temperaturen erhöhen sich insbesondere für Bäume der Wasserbedarf und -verlust. (Während der Vegetationszeit transpirieren ausgewachsene Eichen oder Buchen mehrere Tausend Liter Wasser. (und iIn Hitzesommern können das täglich mehrere Hundert Liter) sein (Destan 2011).  

Wandernde Weidetiere konnten sich auch während der letzten Kaltzeit (Weichsel-Glacial – bis vor rund 12.000 Jahren) immer weiter entwickeln, denn mit ihnen dominierte Grasland die Vegetation. Das Abklingen der letzten Kaltzeit ermöglichte Grasländern und damit Weidetieren, sich noch mehr auszubreiten. Denn die zirkulierende Feuchtigkeit reichte den Baumsamen anfangs nur bis zum Buschstadium. Deshalb bestimmten Weidetiere in dieser zaunlosen Welt großflächig die Vegetation: Es entstanden „Parkähnliche Weidelandschaften“ (Bunzel-Drüke and Luick 2024, Rupp 2013) vergleichbar heutigen Strauchsavannen. Auch später, als Regen und Grundwasser ausreichend Wasser auch für ausgewachsene Bäume boten, steuerte die Koevolution von Grasland und Weidetieren die weitere Landschaftsentwicklung: Denn das Vorhandensein und die Anzahl von Weidetieren entschieden darüber, wie die Landschaft „offengehalten“ wurde.  

Wiesenlandschaft

Wiesen können eine enorme Artenvielfalt aufweisen. Dadurch sind sie besonders anpassungsfähig.

Anpassungsfähigkeit durch biologische Vielfalt  

Dauergrasland wurde an Land zum erfolgreichsten Biom – zur größten Perma- und größten Vielfaltskultur (gefolgt von Wald) – , weil es fast überall wachsen kann: Auch da, wo es zu kalt, zu trocken oder zu nährstoffarm für Bäume (oder den Ackerbau) ist. Zudem ist es anpassungsfähig an extreme Wechsel der Temperatur: langfristig an Jahreszeiten und auch kurzfristig an Tag-Nachtrhythmen.  

Diese Angepasstheit hat den Charakter enormer Anpassungsfähigkeit, die auf biologischer Vielfalt basiert: der jeweils regional entstandenen typischen Samenvielfalt. So können unterschiedlichste Samen zeitnah flexibel auf wechselndes Wetter – bzw. Wetterextreme wie Überschwemmungen – reagieren, d.h. keimen. 

Die Grundlage dafür bilden die jeweiligen geographischen und klimatischen Rahmenbedingungen. Entscheidend für die Entwicklung der jeweils lokal und regional spezifischen biologische Vielfalt des Dauergraslands ist dann jeweils die Art der Beweidung: Welche Pflanzen wann und wie beweidet werden.  

Bis zum Beginn des Chemiezeitalters speicherten die Böden in ihren Samenbanken diese enorme Vielfalt der Gräser, Kräuter und Leguminosen. Sie ermöglichte dem Grasland eine enorme Resilienz durch sehr schnelle Anpassungsfähigkeit.  

Alle Grasland-Ökosysteme entstanden mit verschiedenen unterschiedlichen Weidetierarten. Seit der letzten Eiszeit (Glazial) dominieren jeweils Wiederkäuer – in weiten Regionen Eurasiens der Auerochse (Rossi et al. 2024). Alle Rinder stammen vom Auerochsen ab. Mit flexibel angepasstem Weidemanagement  können sie seine Funktion im Ökosystem Grasland ersetzen.

Die Kornkammern der Erde – entstanden durch Koevolution 

Lange wurden Ursprung und Entwicklung der weltweit fruchtbarsten Böden, der Parabraun- und Schwarzerden (Tschermoseme), so sehr verkannt, dass sie nicht als Resultat der Beweidung verstanden wurden. Allein geologische (z.B. hohe Lössanteile) und klimatische Verhältnisse und/oder anthropogene Eingriffe galten als Erklärung. Auch bei der Wahl der Schwarzerden zum „Boden des Jahres“ 2005 fanden ihre Entstehung aus Grasland – und damit die Bedeutung der Koevolution mit Weidetieren – keine Erwähnung (Sobotik et al. 2020) 

Inzwischen nennt auch Wikipedia unter „Schwarzerde“ als ersten von fünf Faktoren ihrer Entstehung: 

„Grasland (grasreiche Offenlandschaft) mit Megaherbivoren“ (wikipedia o.J.). 

Lange hat es gedauert, bis ich die Weidetiere und das Grasland als Resultat von Koevolution wahrgenommen habe und daran hat das 2010 von Anita Idel verfasste Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer!“ entscheidenden Anteil.

Prof. Hubert Weiger, Deutscher Naturschützer

Schwarzerden sind fruchtbarste Böden

Schwarzerden zählen zu den fruchtbarsten Böden – entstanden durch die Koevolution der Graslandökosysteme mit den großen Grasfressern

Schwarzerden sind der dominante Boden der Eurasischen Steppe – des Steppengürtels der Nordhalbkugel – und reichen bis in die Mandschurei. Ein Teil davon ist extrem fruchtbar:  

Die Tschernoseme in Nordamerika (Prärien), in der Ukraine, in Rumänien (Bărăgan), in Österreich (Pannonisches Tief- und Hügelland), in Ungarn (Puszta), sowie in Kasachstan, der Mongolei und China (Mandschurei) und auch in Argentinien, Uruguay und Brasilien (subtropische Pampas).  

Der Ursprung dieser heute Kornkammern genannten Ebenen geriet in Vergessenheit, denn seit Jahrzehnten findet dort intensiver Ackerbau statt: überwiegend für Monokulturen mit zum Beispiel Mais, Soja, Getreide oder auch Baumwolle (MacDougal et al. 2026, Wan et al. 2025, Tong et al. 2024). 

Gräser entstanden vor über 125 Millionen Jahren – und dann? 

Koevolution von Grasland und Weidetieren prägte Gräser nicht seit Anbeginn. Als sie vor circa 125 Millionen Jahren entstanden, entwickelten sie sich als Solitäre: einzelstehend. Bereits seit circa 400 Millionen Jahren wuchsen solitäre Bäume, (erste Wälder circa 20 Millionen Jahre später). Auch Gräser blieben lange Solitäre, ehe sie vor 30 bis 20 Millionen Jahren begannen, rasenartig zu wachsen und sich zusammen mit Weidetieren zu entwickelten.  

Grasland und Wald bilden heute die größten Dauerkulturen. Aber anatomisch und physiologisch unterscheiden sie sich signifikant. So bilden Gräser natürlicherweise mehr Wurzel- als Sprossbiomasse. Bei Bäumen ist es umgekehrt. 

Über diesen quantitativen Aspekt hinaus, unterscheiden sich ihre Wurzeln qualitativ: Gräser sind Feinwurzler, (Bäume haben ein überwiegend extensives Wurzelsystem).  

Ein weiterer Unterschied liegt in der ganz speziellen Wachstumsdynamik der Gräser: Sie speichern weniger in die eigene Biomasse als Bäume. Über ihren hohen Feinwurzelanteil können sie sehr effizient energie- und nährstoffreiche Wurzel-Exsudate abgeben und damit das Bodenleben „füttern“. Die Folge: Graslandböden speichern weltweit bei vergleichbarer Gesamtfläche 50 Prozent mehr organischen Kohlenstoff als Waldböden (Phukubye et al. 2022). 

Autorin

Anita Idel
Dr. med vet. Anita Idel ist freie Wissenschaftlerin, Lehrbeauftragte und Wirtschaftsmediatorin. Sie war Mitbegründerin u.a. der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (AGKT) 1982 und des Gen-ethischen Netzwerks (GeN) 1986, war Lead-Autorin des UN-Weltagrarberichtes (IAASTD) 2005 bis 2009 und engagiert sich u.a. in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). A.I. arbeitet aus evolutionsbiologischer und kulturhistorischer Perspektive zur Koevolution von Grasland und Weidetieren – dem Potenzial nachhaltiger Beweidung für Bodenfruchtbarkeit, biologische Vielfalt, Klimaentlastung und (Welt-)Ernährung.

Kontakt
www.anita-idel.de

 

Hier finden Sie die verwendeten Quellen

Quellenangaben
  • Baggio R, Overbeck GE, Durigan G, Pillar VD. To graze or not to graze: A core question for conservation and sustainable use of grassy ecosystems in Brazil. Perspectives in Ecology and Conservation. 2021;19:256-66. DOI: 10.1016/j.pecon.2021.06.002 
  • Bisatz, A. (2025): Wurzelexsudate – je mehr, desto besser! https://www.regenerativ.ch/post/wurzelexsudate-je-mehr-desto-besser (26.August2026) 
  • Bunzel-Drüke, M. und R. Luick (2024): Große Pflanzenfresser – Baumeister der Artenvielfalt. Naturschutz und Mandschaftsplanung. https://www.nul-online.de/artikel.dll?AID=7876322&MID=1111&UID=D164AC99F7C08C1E06E735C8D5B411980E1382E25A598CF1 (25.August2026). 
  • Chari, N.R., Tumber-Dávila, S.J., Phillips, R.P. et al. Estimating the global root exudate carbon flux. Biogeochemistry 167, 895–908 (2024). https://doi.org/10.1007/s10533-024-01161-z.  
  •  
  • Chytrý, K., Willner, W., Chytrý, M., Divíšek, J. & Dullinger, S. (2022). Central European forest–steppe: An ecosystem shaped by climate, topography and disturbances. Journal of Biogeography, 49, 1006–1020. https://doi.org/10.1111/jbi.14364 
  • Destan, S. (2011) A conceptual model of forest stand hydrologic effect: Potential application in the forest management practice. African Journal of Agricultural Research Vol. 6(14), pp. 3432-3444,  https://www.researchgate.net/publication/268329973 (Zugriff: 09.02.2026). 
  • Idel, A. (2024) Die Kuh ist kein Klima-Killer! Weimar bei Marburg, 10. Aufl. Metropolis-Verlag.  
  • MacDougall, A.S., Vanzant, B., Sulik, J. et al. The global extent of the grassland biome and implications for the terrestrial carbon sink. Nat Ecol Evol 10, 246–257 (2026). https://doi.org/10.1038/s41559-025-02955-6 
  • Phukubye, K., Mutema, M., Buthelezi, N., Muchaonyerwa, P., Cerri, C., Chaplot, V., 2022. On the impact of grassland management on soil carbon stocks: a worldwide meta-analysis. Geoderma Regional 28. https://doi.org/10.1016/j.geodrs.2021.e00479. 
  • Rossi, C., Sinding, MH.S., Mullin, V.E. et al. The genomic natural history of the aurochs. Nature 635, 136–141 (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08112-6. 
  • Rupp, M. (2013): Beweidete lichte Wälder in Baden-Württemberg: Genese, Vegetation, Struktur, Management. Inaugural-Dissertation Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg i. Brsg. 
  • Sobotik, M., Eberwein, R.K., Bodner, G., Stangl, R. und W. Loiskandl (2020): Pflanzenwurzeln Wurzeln begreifen – Zusammenhänge verstehen – In der Praxis anwenden. DLG-Verlag, Frankfurt a.M. 
  • TONG, Y   Marcos E. ANGELINI, Yusuf YIGINI, Isabel LUOTTO (2024): Global black soil distribution. Front. Agr. Sci. Eng., 2024, 11 (2) : 271-281 DOI:10.15302/J-FASE-2024567 
  • Wan, Lingfan; Guo-qing, Liu, Fu, Bojie; Hu, Ying and Xukun Su (2025): Assessing and improving global grassland restoration: Drivers, current effectiveness and future design. Journal of Applied Ecology  DOI: 10.1111/1365-2664.70221  
  • Zhang, N., Li, A., Yan, Y. et al. Global grassland fragmentation is intensifying with uneven consequences for vertebrate biodiversity. Commun Earth Environ 7, 630 (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-026-03628-3. 
  • Wikipedia Schwarzerde (o.J.) https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzerde (20.August2026).

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