Welchen Wert hat Beweidung für Landschaftsästhetik und Tourismus?
von Lioba Degenfelder
Halboffene Weidelandschaften mit ihrer mosaikförmigen, strukturreichen Vielfalt von Offenflächen, Gehölzen und Baumgruppen wirken auf viele Menschen anziehend. Wenn dann noch ruhig grasende Tiere im Bild auftauchen, werden diese Landschaften von vielen Menschen als besonders harmonisch und emotional ansprechend wahrgenommen. Diese „parkähnlichen“ Landschaftsbilder vermitteln Ruhe, Übersicht und Natürlichkeit – Qualitäten, die ihre hohe ästhetische Attraktivität erklären. Tourismusregionen nutzen diese hohe Anziehungskraft von Weidelandschaften für Natur- und Wandertourismus. Doch kann auch die Landwirtschaft gleichermaßen vom Tourismus profitieren?
KI generiertes Bild von idealer Landschaft der Deutschen Romantik des 19.Jahrhunderts, Chat GTP
Warum wirken beweidete Landschaften besonders attraktiv?
Für die Präferenz von Menschen für offene und halboffene Landschaften existieren zwei zentrale Erklärungsansätze. Ein Ansatz verweist auf kunsthistorische Prägungen: Über Jahrhunderte haben Landschaftsmalerei und ästhetische Konventionen bestimmte Bildtypen – etwa strukturreiche, ausgewogene Szenerien – als „schön“ etabliert. Diese Sehgewohnheiten wirken bis heute fort.
Der zweite Ansatz basiert auf evolutionsbiologischen Überlegungen, insbesondere der von Edward O. Wilson geprägten Biophilia-Hypothese. Die sogenannte Savannen-Hypothese besagt, dass Menschen Landschaften bevorzugen, die der ostafrikanischen Baumsavanne ähneln – also offene Räume mit einzelnen Bäumen und guter Übersicht. Diese Präferenz sei evolutionär entstanden, da solche Umgebungen günstige Bedingungen für Orientierung und Überleben boten.
Stützen neuere Untersuchungen das Bild der attraktiven Weidelandschaft?
Untersuchungen, etwa an der Universität für Bodenkultur Wien, zeigen, dass Landschaftsbilder mit Weidetieren von Touristen signifikant positiver bewertet werden als vergleichbare Szenen ohne Tiere. Beweidung trägt somit wesentlich zur wahrgenommenen Attraktivität von Landschaften bei.
Prof. Ulrike Pröbstl-Haider der BOKU Wien: „Die Präferenz bei Bildbefragung lag klar bei den Bildern, in denen Landschaften mit Weidetieren zu sehen waren. Allerdings muss man dazu sagen, wenn Touristen Weidetiere als Gefahr wahrnehmen, ist das Ergebnis ambivalent.“
In einer Befragungen mit dem Ziel eine ideale Berglandschaft zu wählen, fand Pröbstl-Haider heraus, dass viele Touristen auch gerne Landschaften ohne sichtbare Weidetiere aufsuchen. Nur etwa 15% der Wanderer in den Bergen wollen ganz bewusst Tiere und bewirtschaftete Almen auf ihren Touren sehen.
Einen weiteren zentralen Aspekt hebt Prof. Dr. Gesa Busch der HSWT Freising im Interview hervor: Sie beschreibt, dass viele Gäste „nicht nur schöne Landschaften suchen, sondern auch ein Gefühl vom „einfachen Leben“, von echter Naturbeziehung und einem Bild von ursprünglicher Landwirtschaft, die es so oftmals nicht mehr gibt. “ Beweidete Landschaften bedienen damit gezielt emotionale Bedürfnisse.
Sie sieht die Weidewirtschaft grundsätzlich als geeignete “Brücke” zwischen Verbraucher:innen und Landwirtschaft: “Tiere auf der Weide macht im Gegensatz zur Stallhaltung die Tierhaltung sichtbar und schafft Transparenz und Vertrauen in die Arbeit der Landwirtschaft.”
In Deutschland hatten 2021 nur etwa 30 % der Kühe Zugang zu Weide was stark von der Wahrnehmung und Erwartung der Verbraucher abweicht.
Tourismus profitiert direkt von beweideten Landschaften
Der Tourismus profitiert in vielfacher Hinsicht von beweideten Landschaften, insbesondere dort, wo deren ästhetische Qualitäten für Natur- oder Wandertourismus gezielt erhalten und inszeniert werden. Beweidung erfüllt aber zugleich funktionale Effekte – etwa die Offenhaltung von Skipisten in Bergregionen.
Der Tourismusbrache ist der Wert dieser idyllischen Kulissen, die durch Almen, Weiden und grünlanddominierter Tierhaltung entsteht, durchaus bewusst.
Prof. Ulrike Pröbstl-Haider berichtet von konkreten Beispielen: Etwa von einer Schwarzwaldgemeinde, in der die Gemeinde eine eigene Ziegenherde angeschafft hat. „Der Bock gehört dem Bürgermeister persönlich“, schildert sie, und ergänzt, dass es die Aufgabe dieser behirteten Ziegenherde ist, eine weitere Verwaldung der Landschaft zu verhindern und „durch die Beweidung die attraktive Wanderlandschaft zu erhalten“. Ergänzend verweist sie auf gezielte touristische Angebote wie geführte Ranger-Touren durch Weidelandschaften, etwa am Neusiedler See oder bekannte Almabtriebe die zusätzliche Einkommensquellen für Anbieter schaffen und den Tourismus weiter stärken.
Gibt es eine Zahlungsbereitschaft für attraktive Kulturlandschaften?
Die Frage, ob Tourist:innnen bereit sind, für den Erhalt beweideter Kulturlandschaften finanziell beizutragen, wurde unter anderem in einem Forschungsprojekt aus Südtirol positiv beantwortet. Ein Pilotprojekt der Freien Universität Bozen, initiiert unter Beteiligung von Professor Matthias Gauly, untersuchte die Einführung eines sogenannten „Grünen Euro“. Dabei handelt es sich um eine zweckgebundene Abgabe der Touristen:innen, die direkt landwirtschaftlichen Betrieben zugutekommen sollte, welche durch Beweidung das Landschaftsbild erhalten.
Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung zeigten eine klare Botschaft: Touristen signalisierten eine deutliche Bereitschaft, eine solche Abgabe zu leisten. Hochgerechnet hätte das Modell Einnahmen von rund 39 Millionen Euro für die Region jährlich generieren können, von denen etwa 10 % der Betriebe, die besonders sensible Gebiete bewirtschaften, direkt profitiert hätten. Trotz dieses Potenzials scheiterte das Projekt u.a. daran, dass es keine Einigkeit über die Verwendung der Mittel gab und letztendlich der Mut zur Umsetzung fehlte.
Auch Prof. Gesa Busch der HSWT Freising bestätigt diese grundsätzliche Zahlungsbereitschaft, insbesondere für Produkte aus Weidehaltung. Als zentrale Hürden nennt sie jedoch die mangelnde Verfügbarkeit und Transparenz entsprechender Angebote.
„Verbraucher müssen Qualität leicht erkennen können und der Einkauf muss einfach und unkompliziert sein“, betont sie, und weist zugleich auf die Rolle der Gastronomie hin: “Diese könne entscheidend dazu beitragen, Bewusstsein und Nachfrage für Weideprodukte zu stärken, nutzt aber diese Rolle noch zu wenig.”
Mensch-Tier Begegnungen in touristischen Gebieten sind nicht immer frei von Konflikten
Profitiert die Landwirtschaft tatsächlich vom Tourismus auf Weideflächen?
Ob die Landwirtschaft tatsächlich in gleichem Maße vom Tourismus auf Weideflächen profitiert, kann durchaus kritisch gesehen werden. Professorin Ulrike Pröbstl-Haider der BOKU Wien berichtet aus eigenen Befragungen von Landwirten auf Almen in Oberbayern: „Es ist blauäugig zu glauben, dass Landwirtschaft bei hohen Besucherzahlen auch immer vom Tourismus profitiert.” Dies gilt vor allem dann, wenn die landwirtschaftlichen Betriebe keine Direktvermarktung besitzen oder anstreben und nur mit Störungen, wie offenen Zäunen, Hunde im Tränkebecken und weiteren Hinterlassenschaften zu kämpfen haben. Viele landwirtschaftliche Betriebe haben daher kein Interesse daran, dass viele Gäste ihre Almflächen betreten, da sie eine gefahrlose, und für die Tiere störungsfreie Bewirtschaftung anstreben.
“Der Tourismus transportiert häufig eine idealisierte Vorstellung von Landwirtschaft, die mit der realen Produktionspraxis nur bedingt vereinbar sei, wodurch eine wachsende Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität entsteht.”
Auch die wirtschaftliche Bedeutung touristischer Zusatzeinkommen wird von Pröbst-Haider relativiert. Einkünfte etwa aus dem Ausschank einer Almwirtschaft seien häufig mit hohem organisatorischem Aufwand und zahlreichen Auflagen verbunden und daher für viele Betriebe nur begrenzt relevant. Gleichzeitig entstünden durch die Begegnung von Wanderern und Weidevieh nicht selten Konflikte oder gar gefährliche Situationen, die in einzelnen Regionen – etwa in Tirol und Salzburg – zur Einführung spezieller Versicherungsmodelle für Landwirte geführt hätten.
Gleichzeitig verweist sie auch auf positive Beispiele: In einigen Regionen konnten Landwirte durch gezielte Vermarktung ihrer Produkte Preisaufschläge von bis zu 60 % erzielen. Erfolgreiche Initiativen wie die “Genussregionen” – etwa mit dem Moorochsen aus dem Burgenland oder dem Berglamm im Ennstal im Ausserland – zeigen, dass der Tourismus auch neue Absatzwege und Logistikstrukturen eröffnen kann, über die regionale Produkte Zugang zu deutlich erweiterten und lukrativen Märkten erhalten.
Autorin
Lioba Degenfelder
Projektmanagerin Tierwohl, Nachhaltige Beweidung
Kontakt
Tel. +49 89 179595-17
ldegenfelder@schweisfurth-stiftung.de
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- Online Interview März 2026: Univ.Prof. em. Dipl. Ing. Dr. Ulrike Pröbstl-Haider,Institute of Landscape development, Recreation and Conservation planning, BOKU – University
- Interview Dezember 2025: Prof. Dr. Gesa Busch der HSWT Freising, Food Consumption and Wellbeing
- Online Interview Februar 2026: Prof. Matthias Gauly, ehemals Freie Universität Bozen, Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften
- Stampa, E., Schipmann-Schwarze, C. and Hamm, U. (2020) Consumer perceptions, preferences, and behavior regarding pasture-raised livestock products: a review. Food Quality and Preference, 82, 103872. https://doi.org/10.1016/j.foodqual.2020.103872 (abgerufen am 13.04.2026).
- (Statistisches Bundesamt, 2021)