Welche Kriterien bestimmen eine „gute Mahd“?
von Lioba Degenfelder
Die Mahd ist für viele Grünlandflächen ein unverzichtbares Instrument des Graslandmanagement. Wir benötigen sie primär zur Gewinnung von Winterfutter, und um bei extremer Trockenheit oder sonstigen Futterengpässen die Tiere versorgen zu können.
Die Grasernte liegt für Betriebe oftmals im Spannungsfeld von Ertragsoptimierung für hochwertiges Grundfutter und dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit.
Die abgestufte Grünlandnutzung kann für dieses Dilemma eine Lösung sein. Dabei werden wüchsige Standorte im Sinne der Ertragsoptimierung genutzt, ertragsschwächere Grünlandstandorte können durch eine extensivere und angepasste Nutzung zu mehr Arten- und Naturschutz führen. (Naturland, 2025)
Doch welche Kriterien bestimmen eine “gute Mahd” ?
Nur wenige Grünlandtypen wie beispielsweise alpine Matten kommen gänzlich ohne Beweidung oder Mahd aus. Die meisten Wiesen können jedoch nur durch Beweidung oder Mahd erhalten werden.
Warum wird aus Artenschutzgründen gemäht?
Mähen, als Alternative zur Beweidung verhindern, dass wenige wuchskräftige Gräser und Kräuter alle anderen Arten verdrängen. Ohne diese Nutzung würde die Vielfalt schwinden und der Lebensraum langfristig durch Verbuschung und schließlich durch Verwaldung verloren gehen. Ein zentraler Punkt ist der Abtransport des Schnittguts. Verbleibt das Material als Mulch, reichert es den Boden mit Nährstoffen an und erstickt lichtbedürftige Kräuter, was der Artenvielfalt langfristig schadet.
Auch zur gezielten Aushagerung ehemals intensiv gedüngter Flächen ist das Mähen mit konsequentem Abtransport des Schnittguts oft effektiver als Fraß, um überschüssige Nährstoffe schnell zu entziehen. Eine naturschonende Mahd mit Fokus auf die Steigerung der Artenvielfalt braucht aber bestimmte Voraussetzungen.
Durch den regelmäßigen Schnitt wird ein Nährstoffmangel erzeugt. Auf mageren Böden müssen Pflanzen Strategien entwickeln, um effizient zu wachsen, was die große Artenvielfalt auf solchen Standorten fördert.
Wie oft soll gemäht werden?
Intensivgrünland wird dreimal und häufiger pro Jahr geschnitten – in der Spitze bis zu sechsmal im Jahr. Diese intensive Nutzung ist nur durch intensive Nährstoffzufuhr durch Gülle oder chemisch-synthetischen Düngung möglich. Neben dem Verlust der Artenvielfalt auf solchem Grünland sind auch die negativen Wirkungen auf den häufig befahrenen Boden zu bewerten. Der Bodendruck wirkt sich unmittelbar auf das Bodenleben aus, verdichtet die Bodenschichten und hemmt die Fähigkeit der Wasseraufnahme und -speicherung.
Die Mähhäufigkeit bestimmt den Wiesentypen:
- Intensivgrünland: Wird in der Regel 3 bis 6 Mal pro Jahr gemäht.
- Extensiv- oder Naturschutzgrünland: Hier sind 1 bis 2 Schnitte pro Jahr üblich.
- Sonderstandorte: Nasswiesen oder Kleinseggenriede werden oft nur 1 Mal jährlich oder sogar nur alle zwei Jahre gemäht
Für den Wiesenbrüterschutz ist die aktuelle Erntehäufigkeit in vielen Regionen bereits zu hoch, um die Bestände stabil zu halten.
Artenschutz durch extensivere Nutzung
Die Reduktion der Schnitthäufigkeit stellt für zahlreiche Artengruppen eine wirksame Maßnahme zur Förderung dar. In der Gruppe der Insekten wurden beispielsweise bei Zikaden, Wanzen und Sägefliegenlarven höhere Populationsdichten bei geringerer Schnittfrequenz festgestellt. (Schoof et al., 2024)
Auf gedüngten oder wüchsigen Standorten muss eine Verringerung der Schnitthäufigkeit zwingend mit einem Verzicht auf Düngung einhergehen. Andernfalls reichern sich Nährstoffe an, was zu einer Vergrasung und dem Verlust seltener Kräuter führt.
Was ist der optimale Schnittzeitpunkt?
Die Wahl des Schnittzeitpunkts ist stets eine Abwägung zwischen landwirtschaftlichen Nutzungsansprüchen, dem Schutz bestimmter Arten und dem Erhalt der Vegetationszusammensetzung. Es gibt keinen optimalen Zeitpunkt für alle Arten, aber eine Sommermahd (Juli bis September) ist für die Artenvielfalt meist weniger schädlich als ein früher Schnitt. Ein guter Kompromiss ist die Mahd ab Mitte Juli, damit viele Wiesenblumen vor dem Schnitt noch absamen können. Für extensive Flächen sollte der erste Schnitt nicht vor dem 15. Juni liegen. Studien zeigen, dass eine Verzögerung der Mahd (z. B. auf Mitte Juli) die Individuenzahlen vieler Tiergruppen stark erhöhen kann. Insbesondere profitieren Heuschrecken, Zikaden, Wildbienen, Webspinnen und viele Wiesenbrüter von einer späteren Mahd ab Mitte Juli. (Schoof et al., 2024)
Eine ausschließlich späte Mahd über viele Jahre hinweg kann allerdings ebenfalls negative Wirkungen haben. Mögliche unerwünschte Effekte sind hier die “Vergrasung”, Nährstoffanreicherung oder die Bildung einer dichten Streuschicht, die Lichtkeimer unterdrückt. (Schoof et al., 2024)
Empfehlungen für die Praxis
- Dynamik statt Starrheit: Starre Schnittzeitpunkte sind kritisch zu sehen. Ein dynamischer Ansatz, bei dem die Termine jährlich leicht variieren, ist oft besser. (Schoof et al., 2024)
- Tageszeit beachten: Bei wechselwarmen Tieren (Insekten, Reptilien) ist eine Mahd bei höheren Temperaturen ab mittags besser, da ihre Fluchtfähigkeit dann höher ist als am kühlen Morgen. (Adelmann & Hoiß, 2026)
Besonders für Spinnen, wie die Wespenspinne, fungieren Altgrasstreifen als Hotspots, da sie dort ihre Netze in der stabilen Vegetation verankern können.
Was bedeutet einen tierschonende Mahd?
Refugien wie Altgrasstreifen oder Insektenschutzstreifen sind eine Maßnahmen, um die negativen Auswirkungen der Mahd auf die Tierwelt zumindest abzumildern. (Adelmann & Hoiß, 2026) Da bei einer Vollmahd die schützende Vegetation abrupt entfernt wird, dienen diese ungemähten Teilflächen primär als lebenswichtige Rückzugsräume, in die mobile Arten während des Mähvorgangs flüchten können.
Ohne solche Refugien wäre beispielsweise auch eine Anpassung der Fahrtrichtung (von innen nach außen) weitgehend wirkungslos, da den Tieren ein sicheres Ziel für ihre Flucht fehlen würde. (Schoof et al., 2024)
Über den unmittelbaren Schutz während der Mahd hinaus fördern Refugien wie z.B. Altgrasstreifen die Fauna durch die Bereitstellung von Nahrungs- und Entwicklungsressourcen. In einer ansonsten kahl gemähten Landschaft bleiben hier Blütenangebote für Bestäuber wie Bienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge erhalten. Studien belegen, dass die Individuendichte in Flächen mit Refugien deutlich höher ist; so wurde bei Insektenlarven, die sich an Grünlandpflanzen entwickeln, eine um den Faktor 1,7 höhere Populationsdichte im Vergleich zu herkömmlich gemähten Wiesen festgestellt.
Die Fähigkeit zur Flucht von Tieren vor der Mähtechnik wird oftmals überschätzt.
Alle Bemühungen, die Verluste so gering wie möglich zu halten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Mahdereignis erstmal eine “ökologische Katastrophe” für alle tierischen Wiesenbewohner darstellt.
Die Raupen des Aurorafalters verpuppen sich im Spätsommer als sogenannte Gürtelpuppen direkt an aufrechten Pflanzenstängeln oder festen Grashalmen in Bodennähe
Winterquartier für Falter und Co
Ein entscheidender Faktor für die Wirksamkeit von Altgrasflächen ist ihre Funktion als Überwinterungsquartier. Wenn Refugien über den Winter stehen bleiben, ermöglichen sie es diesen Arten, ihren Lebenszyklus abzuschließen, und sichern so die Wiederbesiedlung der gemähten Umgebungsflächen im nächsten Frühjahr.
Für einen optimalen Nutzen sollte der Anteil dieser Refugien etwa 10 bis 20 % der Gesamtfläche betragen. Dabei ist es wichtig, dass die Lage der Streifen über die Jahre innerhalb der Fläche rotiert, um eine schleichende Verbrachung oder Vergrasung der ungemähten Bereiche zu verhindern
Welchen Einfluss hat die Mährichtung?
Die Wahl der Mährichtung kann das Überleben der Wiesenfauna beeinflussen, wobei ihre tatsächliche Wirksamkeit in der Fachliteratur differenziert bewertet wird. Die gängige Empfehlung lautet, Flächen von innen nach außen oder von einer Seite zur anderen zu bearbeiten, anstatt von außen nach innen anzuwenden.
Hinsichtlich der Wirksamkeit zeigen die Quellen jedoch deutliche Grenzen auf. Für die große Mehrheit der wirbellosen Arten (Insekten, Spinnen etc.) ist die Anpassung der Fahrtrichtung wenig bis gar nicht wirksam. Dies liegt daran, dass oft fälschlicherweise vorausgesetzt wird, die Tiere könnten der Maschine schnell genug, über weite Distanzen und zielgerichtet in die richtige Richtung ausweichen – eine Leistung, die bei den hohen Fahrgeschwindigkeiten und großen Arbeitsbreiten kaum zu erbringen ist.
Nennenswerte positive Effekte sind daher primär nur für einige hochmobile Wirbeltiere, wie beispielsweise adulte Feldhasen, zu erwarten. (Schoof et al., 2024)
Ein entscheidender Faktor für die Wirksamkeit der Mährichtung ist das Vorhandensein von Refugien. Ohne ungemähte Rückzugsräume (wie Altgrasstreifen) am Rand oder im Zentrum der Fläche ist die Anpassung der Fahrtrichtung weitgehend wirkungslos, da den flüchtenden Tieren ein sicheres Ziel fehlt.
Welchen Einfluss hat die Schnitthöhe?
Die Wahl der Schnitthöhe hat entscheidenden Einfluss auf das Überleben der Wiesenfauna sowie auf die Regeneration der Vegetation. Während in der gängigen landwirtschaftlichen Praxis eine Schnitthöhe von etwa 7 bis 8 cm als üblich gilt, sind im Hinblick auf eine möglichst tierschonende Mahd trotz Ertragseinbußen mindestens 10 cm empfehlenswert. (Schoof et al., 2024)
Durch einen Hochschnitt entsteht ein lebenswichtiger Schutzraum unterhalb der Messerebene, in dem viele kleinere Organismen sowie bodennah lebende Tiere das Mähen unbeschadet überstehen können.
Besonders deutlich wird der Effekt bei Amphibien. Während bei einer praxisüblichen Höhe von 7 bis 8 cm die Verlustraten (je nach Technik) zwischen 10 % und 28 % liegen, sinkt die Mortalität bei einer Schnitthöhe von 12 cm, was für Flächen mit Amphibienvorkommen als ideal bezeichnet wird, auf etwa 3 bis 5 %. (Schoof et al., 2024)
Welche Mähtechnik ist besonders schonend?
Für die insektenschonende Mahd werden Balken- oder Doppelmessermähwerke empfohlen. Diese schneiden das Gras horizontal ab, ohne eine gefährliche Sogwirkung zu erzeugen, die Insekten in die Messer zieht. Studien belegen hier die geringsten Mortalitätsraten; beispielsweise liegt die Sterberate bei Heuschrecken beim Einsatz von Doppelmessermähwerken bei nur etwa 9 %. (Schoof et al., 2024)
Rotierende Geräte wie Kreisel- oder Trommelmäher führen zu deutlich höheren Todesraten bei Insekten. Die Verlustraten bei Heuschrecken steigen hier im Vergleich zum Balkenmäher auf etwa 21 % (Trommel) bis über 30 % (Scheibe) an. (Schoof et al., 2024)
Besonders verheerend wirken Mähgutaufbereiter (Konditionierer), welche das Schnittgut quetschen und die Sterblichkeit von Insekten um bis zu 60 % erhöhen. (Schoof et al., 2024)
Die Fluchtreaktionen von Tieren sind oftmals unzureichend, deshalb gilt: Je langsamer, desto besser. Und zwar für alle Arbeitsgänge der Ernte. (Adelmann & Hoiß, 2026)
Autorin
Lioba Degenfelder
Projektmanagerin Tierwohl, Nachhaltige Beweidung
Kontakt
Tel. +49 89 179595-17
ldegenfelder@schweisfurth-stiftung.de
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- Adelmann, A. & Hoiß, B. (2026): Literaturauswertung: Neues zur tier- und insektenschonenden Mahd. ANLiegen Natur, Laufen.
- Schoof, N., Luick, R., Zehm, A., Morhard, J., Nickel, H., Renk, J., Schaefer, L. und Fartmann, T. (2024): Naturverträgliche Mahd von Grünland und Pflege von Straßenbegleitgrün – Technik, Verfahren, Auswirkungen und Empfehlungen für die Praxis. Naturschutz-Praxis. Landschaftspflege, Bd. 4. Karlsruhe: LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg.
- Naturland – Verband für ökologischen Landbau e.V. ( 2025): Leitfaden Biodiversität auf Naturland Betrieben, Gräfelfing.