Grünlandmilch erzeugen – was macht ein tragfähiges Betriebssystem aus?
von Dr. Karin Jürgens
Grünlandbasierte, kraftfutterreduzierte Milchviehsysteme verbinden Milcherzeugung mit wichtigen Leistungen für Biodiversität und Ressourcenschutz. Damit sie für Betriebe eine Zukunftsperspektive bieten, müssen sie jedoch auch wirtschaftlich tragfähig sein. Wie das gelingen kann, hat das Kasseler Institut für ländliche Entwicklung gemeinsam mit der Universität Göttingen im Forschungsprojekt BioDivMilchplus anhand von rund 40 Praxisbetrieben untersucht.
Die Ergebnisse zeigen: Entscheidend ist ein an die betrieblichen Ressourcen angepasstes System. Erfolgreiche Betriebe setzen auf eine kosteneffiziente Produktion – jedoch nicht im Sinne einer reinen Low-Cost-Strategie: Sie nutzen ihre Grünland- und Futterressourcen produktiv und stimmen Fütterung-, Weide- und Herdenmanagement darauf ab. Zusätzliche wirtschaftliche Vorteile bieten Vermarktung und die Honorierung von Ökosystemleistungen.
Für eine stärkere Verbreitung muss die wirtschaftliche Optimierung grünlandbasierter Systeme in Beratung, Bildung und Wissenstransfer der Milchviehhaltung stärker verankert werden.
Grünlandbasierte Milchviehsysteme nutzen Gras als zentrale Futterbasis.
Warum ist grünlandbasierte Milchviehhaltung ein Zukunftsweg?
Grünlandbasierte, kraftfutterreduzierte Milchviehsysteme nutzen Gras als zentrale Futterbasis, wobei Dauergrünland eine besondere Bedeutung zukommt. Damit nutzen sie in hohem Maße Biomasse, die für den Menschen nicht direkt verwertbar ist, und können die Nahrungskonkurrenz zwischen Tier und Mensch verringern. Untersuchungen im Forschungsprojekt BioDivMilchplus zeigen, dass ein hoher Netto-Proteinbeitrag grasbasierter Milchviehbetriebe mit einer höheren Pflanzenvielfalt des Grünlands und geringeren Nährstoffüberschüssen verbunden sein kann. Dadurch können diese Systeme zugleich wichtige Leistungen für Biodiversität und Ressourcenschutz erbringen (Wild et al. 2025). (vgl. Artikel Proteinkonvertierungseffizienz)
Diese Ergebnisse fügen sich in eine breitere Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Rinderhaltung ein: Eine stärkere Bindung an Grünland und betriebseigene Futterressourcen, ein geringerer Einsatz von Kraft- und Importfuttermitteln und eine bessere Einbindung in standortangepasste Stoffkreisläufe werden auch in weitergehenden Konzepten als wichtige Entwicklungspfade für eine nachhaltigere Rinder- und Milchviehhaltung beschrieben (Windisch 2021, Poux & Aubert 2022; Agora Agrar 2026). Auch die 2026 im Auftrag des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz vorgelegte Studie von Friedhelm Taube zur zukünftigen Nutzung des Dauergrünlands in Deutschland unterstreicht dessen Bedeutung für Lebensmittelerzeugung, Klima- und Biodiversitätsschutz und plädiert für eine stärkere Bindung der Milch- und Rindfleischerzeugung an Dauergrünland und regional erzeugtes Grünlandfutter
Gegenüber dem Durchschnitt spezialisierter Milchviehbetriebe im Testbetriebsnetz erzielten die untersuchten Betriebe zwar geringere Erlöse je Kuh, diesen standen jedoch deutlich niedrigere Kosten gegenüber.
Trotz geringerer Milchleistung können Grünlandbetriebe wirtschaftlich arbeiten.
Kann grünlandbasierte Milcherzeugung wirtschaftlich mithalten und sich verbreiten?
Damit sich grünlandbasierte, kraftfutterreduzierte Milchviehsysteme stärker verbreiten können, müssen sie den Betrieben eine wirtschaftlich tragfähige Perspektive bieten. Untersuchungen des Kasseler Instituts für ländliche Entwicklung zeigen, dass dies trotz geringerer Milchleistung je Kuh möglich ist. In einer ersten Untersuchung wurden 52 ökologisch wirtschaftende Milchviehbetriebe mit geringem oder keinem Kraftfuttereinsatz untersucht (Jürgens et al. 2016). Im Projekt BioDivMilch wurde die Untersuchung anschließend auf konventionelle und ökologische kraftfutterreduzierte Milchviehbetriebe ausgeweitet (Jürgens et al. 2020, 2023). Beide Untersuchungen kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: Gegenüber dem Durchschnitt spezialisierter Milchviehbetriebe im Testbetriebsnetz erzielten die untersuchten Betriebe zwar geringere Erlöse je Kuh, diesen standen jedoch deutlich niedrigere Kosten gegenüber. Dadurch waren sie wirtschaftlich konkurrenzfähig und konnten teilweise höhere Gewinne erzielen.
Allerdings streuten die Gewinne innerhalb der kraftfutterreduzierten Betriebe erheblich. Zwar sank der Gewinn je Kilogramm Milch mit zunehmendem Kraftfuttereinsatz tendenziell, doch selbst bei vergleichbarem Kraftfuttereinsatz unterschieden sich die wirtschaftlichen Ergebnisse deutlich. Die Reduzierung des Kraftfutters allein erklärt den wirtschaftlichen Erfolg daher nicht.
Genau hier setzt BioDivMilchplus an: Was unterscheidet wirtschaftlich erfolgreiche von weniger erfolgreichen Betrieben? Welche Rolle spielen Grünland- und Grundfutterleistung, Herde, Kosten und Arbeitsorganisation? Welchen Beitrag leisten Milchpreis, Vermarktung und Förderung? Und lassen sich unterschiedliche betriebliche Strategien identifizieren, mit denen grünlandbasierte Milcherzeugung wirtschaftlich erfolgreich sein kann?
Nicht die maximale Milchleistung je Kuh, sondern die wirtschaftliche Nutzung der eigenen Futterressourcen steht im Mittelpunkt
Was lässt sich von gras- und weidebasierten Milchproduktionssystemen lernen?
Die ökonomische Auseinandersetzung mit gras- und weidebasierter Milcherzeugung hat sich vor allem dort entwickelt, wo Weidegras traditionell eine wichtige Produktionsgrundlage bildet. Besonders ausgeprägt ist dies in Irland: Teagasc/Moorepark untersucht seit Jahrzehnten, wie betriebseigenes Weidegras möglichst effizient erzeugt, genutzt und in Milch umgesetzt werden kann. Nicht die maximale Milchleistung je Kuh, sondern die wirtschaftliche Nutzung der eigenen Futterressourcen steht im Mittelpunkt. In Irland wurde mit dem Pasture Profit Index (PPI) ein Index entwickelt, der die wirtschaftliche Bedeutung der Grünlandnutzung bewertet und dabei auch berücksichtigt, wie gut der erzeugte Aufwuchs von den Weidetieren tatsächlich genutzt werden kann (Tubritt et al. 2021).
Einen anderen Weg zeigt das Schweizer Projekt Optimilch. Hier wurden Hochleistungs- und Vollweidestrategie gegenübergestellt. Beide konnten Produktionskosten senken – aber auf unterschiedlichen Wegen: die Hochleistungsstrategie über Milchmenge und Arbeitsproduktivität, die Vollweidestrategie über saisonale Abkalbung, geringen Input und vereinfachte Arbeitsabläufe (Blättler et al. 2015a; 2015b).
Eine hohe Milchleistung je Kuh ist nicht der einzige Weg zum wirtschaftlichen Erfolg.
Welche Wege führen zum wirtschaftlichen Erfolg?
Auch in Deutschland zeigen langjährige Praxisuntersuchungen, dass weidebasierte Systeme wirtschaftlich erfolgreich sein können. Leisen und Uhlig (2017) werteten über neun Jahre 39 ökologische Milchviehbetriebe aus. Betriebe, bei denen die Kühe von Mai bis Oktober mehr als 60 % ihrer Futterenergie direkt über das Weidegras aufnahmen, waren mehrheitlich überdurchschnittlich wirtschaftlich – obwohl ihre Milchleistung im Mittel rund 1.200 kg je Kuh niedriger lag (Leisen & Uhlig 2017).
Untersuchungen grünlandbasierter Milchviehbetriebe in süddeutschen Mittelgebirgslagen bestätigen, dass erfolgreiche Betriebe auch gegenüber Milchviehbetrieben in Gunstlagen konkurrenzfähig sein können. Gleichzeitig zeigen sie, dass Standortnachteile nicht immer durch gutes Management ausgeglichen werden können und öffentliche Förderung eine wichtige Rolle spielen kann (Dentler et al. 2020).
Die bisherigen Arbeiten machen damit zweierlei deutlich: Eine hohe Milchleistung je Kuh ist nicht der einzige Weg zum wirtschaftlichen Erfolg. Ebenso wenig gibt es ein Erfolgsmodell, das sich auf alle Betriebe übertragen lässt. Welche Strategie wirtschaftlich trägt, hängt von den jeweiligen betrieblichen Voraussetzungen ab.
Die Akteure des Projekts BioMilchDivplus beim Betriebsaustausch.
Was wurde in BioDivMilchplus untersucht?
An diesem Punkt setzt BioDivMilchplus an. Aus dem vorausgehenden Projekt BioDivMilch wurden gezielt konventionelle und ökologische Milchviehbetriebe ausgewählt, die mit vergleichsweise wenig Kraftfutter wirtschafteten, sich aber in ihren Gewinnen deutlich unterschieden. Ein Drittel der Betriebe wirtschaftete konventionell, zwei Drittel ökologisch. Die rund 40 Betriebe liegen in unterschiedlichen Grünlandregionen Nord- und Süddeutschlands – vom norddeutschen Tiefland bis nach Oberbayern und ins Allgäu, von nahezu Meereshöhe bis auf rund 770 Meter.
Der Kraftfuttereinsatz lag überwiegend zwischen 0 und 150, in einzelnen Betrieben bei bis zu 200 Gramm je Kilogramm Milch und damit deutlich unter dem Niveau herkömmlicher Milchviehbetriebe, für die Betriebszweigauswertungen Werte um 300 Gramm je Kilogramm Milch ausweisen (Jürgens et al. 2023; Jürgens & Wild 2026). Eine weitere Voraussetzung war, dass Dauergrünland eine wichtige Produktionsressource der Betriebe darstellte.
Wie Grünlandnutzung und Fütterung konkret ausgestaltet waren, wurde bei der Auswahl offengelassen. Voll- oder Teilweide konnten ebenso dazugehören wie die Nutzung von Kleegras und anderem Ackerfutter. Ausgangspunkt war damit keine vorab festgelegte Form der Grünlandnutzung und Rationsgestaltung, sondern die große Spannweite der wirtschaftlichen Ergebnisse. Aus diesen Unterschieden sollte herausgearbeitet werden, welche betrieblichen Strategien wirtschaftlichen Erfolg begünstigen.
Was unterscheidet die Betriebe?
In einem ersten Analyseschritt wurden die untersuchten Betriebe anhand ihres Gewinns je Kilogramm Milch (ECM) in vier Gewinngruppen eingeteilt. Zwischen diesen Gruppen zeigten sich deutliche Unterschiede sowohl in den betrieblichen Strukturen als auch bei der Fütterung und der Herkunft der Gesamtmilchleistung. Die durchschnittlichen Gewinne steigen von rund 6 ct/kg ECM in der Gruppe mit den niedrigsten Gewinnen über rund 12 und 20 ct/kg ECM auf rund 26 ct/kg ECM in der erfolgreichsten Gruppe.
Besonders deutlich unterscheiden sich die Gruppen darin, wie sie ihre Grünlandressourcen für die Milcherzeugung nutzen. Die Betriebe mit den höchsten Gewinnen sind nahezu reine Dauergrünlandbetriebe; Ackerfutter macht im Durchschnitt nur 3 % ihrer Fläche aus. Zugleich erzielen sie bei dem niedrigsten Kraftfuttereinsatz eine der höchsten Gesamtmilchleistungen. Rund 88 % dieser Milchleistung werden aus Grundfutter erzeugt, 86 % aus Grünlandfutter. Die betriebseigenen Grünlandressourcen werden damit besonders konsequent und produktiv für die Milcherzeugung genutzt.
Wie nutzen erfolgreiche Betriebe ihre Grünlandressourcen?
Mit durchschnittlich 42 Milchkühen und 46,6 ha LF sind die Betriebe der höchsten Gewinngruppe zugleich die kleinsten Betriebe der Stichprobe. Sie weisen mit 1,27 GVE/ha LF den niedrigsten Viehbesatz auf, nutzen mit durchschnittlich 196 Weidetagen je Kuh das Grünland besonders lange unmittelbar als Futtergrundlage und haben mit 50 Monaten die längste Nutzungsdauer der Kühe. Es gelingt ihnen damit, innerhalb vergleichsweise kleiner Betriebsstrukturen eine hohe Wertschöpfung aus den vorhandenen Ressourcen zu erzielen.
Die beiden oberen Gewinngruppen zeigen zugleich, dass wirtschaftlich erfolgreiche Grünlandbasierung unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Während die höchste Gewinngruppe nahezu ausschließlich aus reinen Dauergrünlandbetrieben besteht, kombiniert die Gruppe mit hohem Gewinn eine ebenfalls starke Grünlandorientierung mit Ackerfutter, insbesondere Kleegras, und hält größerer Herden. Ihre unmittelbar aus dem Dauergrünland erzeugte Milchleistung geringer, die Grundfutterleistung insgesamt aber ebenfalls hoch.
Damit zeichnen sich zwei erfolgreiche Strategien ab: eine konsequente Ausrichtung auf Dauergrünland und eine breiter angelegte Nutzung betriebseigener Gras- und Grünlandressourcen. Gemeinsam ist beiden, dass sie einen hohen Anteil der Milch aus dem eigenen Gras- und Grünlandfutter erzeugen.
Ein wesentlicher Grund für die hohen Gewinne der wirtschaftlich erfolgreichsten Betriebe liegt in ihren niedrigen variablen Produktionskosten für Lohnunternehmen und Pflanzenbau.
Wo können grünlandbasierte Betriebe Kosten sparen?
Ein wesentlicher Grund für die hohen Gewinne der wirtschaftlich erfolgreichsten Betriebe liegt in ihren niedrigen variablen Produktionskosten. Mit rund 17 ct/kg ECM liegen diese deutlich unter denen der beiden unteren Gewinngruppen mit rund 25 bzw. 26 ct/kg ECM. Besonders groß sind die Unterschiede bei den Aufwendungen für Pflanzenbau und Lohnunternehmen, die wesentlich mit der Erzeugung und Bereitstellung des betriebseigenen Futters verbunden sind. In der höchsten Gewinngruppe fallen hierfür deutlich geringere Kosten an. Die Kosten für Zukauffutter unterscheiden sich dagegen weniger eindeutig zwischen den Gewinngruppen.
Die Kostenvorteile zeigen sich auch in wirtschaftlich schwierigen Jahren. Über die sechs untersuchten Wirtschaftsjahre von 2017 bis 2022 halten die erfolgreichen Betriebe ihre variablen Kosten auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Besonders deutlich wird dies in den Trockenjahren 2018 und 2019. Bei der gewinnschwächeren Hälfte der norddeutschen Betriebe steigen die Zukauffutterkosten um 3,2 ct/kg ECM, bei der gewinnstärkeren dagegen nur um 1,5 ct/kg ECM. Auch die gesamten variablen Kosten nehmen mit 5,6 gegenüber 2,9 ct/kg ECM bei den gewinnschwächeren Betrieben deutlich stärker zu. Dies weist auf eine höhere wirtschaftliche Robustheit der erfolgreichen Betriebe hin. Dem allgemeinen Preisanstieg im Jahr 2022 konnten sich allerdings auch diese Betriebe nicht entziehen.
Wie wird aus niedrigen Kosten hohe Wertschöpfung?
Entscheidend ist auch, was den Betrieben nach Abzug der variablen Produktionskosten von den Erlösen aus Milch- und Rindererzeugung verbleibt. Die *Bruttomarge ohne Zulagen steigt von rund 24 bzw. 25 ct/kg ECM in den beiden unteren Gewinngruppen auf rund 34 bzw. 37 ct/kg ECM in den beiden oberen Gruppen. Einschließlich der Zulagen erreicht sie dort jeweils rund 49 ct/kg ECM.
Der Vergleich der beiden oberen Gewinngruppen zeigt, wie Kosten- und Erlösseite zusammenwirken. Die Gruppe mit hohem Gewinn erzielt mit rund 68 ct/kg ECM die höchsten Gesamterlöse. Dazu tragen auch Zulagen und Förderungen bei, die zu ihrem Bewirtschaftungssystem passen und von diesen Betrieben entsprechend genutzt werden. Die höchste Gewinngruppe erreicht trotz geringerer Erlöse eine ähnlich hohe Bruttomarge und schließlich den höchsten Gewinn, vor allem aufgrund ihrer besonders niedrigen variablen Kosten. Eine hohe Bruttomarge ist wichtig, weil daraus die Gemeinkosten gedeckt werden müssen. Diese sind stärker durch längerfristige Struktur- und Investitionsentscheidungen geprägt und kurzfristig nur begrenzt beeinflussbar. So trägt die Gruppe mit hohem Gewinn mit rund 28 ct/kg ECM deutlich höhere Gemeinkosten als die höchste Gewinngruppe mit rund 23 ct/kg ECM. Trotz nahezu gleicher Bruttomarge verbleibt ihr deshalb ein geringerer Gewinn.
Besondere Vermarktungswege, etwa für Heu-, Weide- oder gentechnikfreie Milch, können höhere Milcherlöse ermöglichen und damit die Wertschöpfung steigern. Die beiden oberen Gewinngruppen erzielen mit rund 46 ct/kg ECM deutlich höhere Milcherlöse als die niedrigste Gruppe mit rund 40 ct/kg ECM.
*Bruttomarge: Milch- und Rindererlöse abzüglich der variablen Produktionskosten; Bruttomarge mit Zulagen einschließlich Zulagen/Förderungen. Die variablen Kosten umfassen Aufwendungen für Tier- und Pflanzenproduktion, Energie, Lohnunternehmen sowie sonstige Materialkosten. Zu den Gemeinkosten zählen Personalaufwand, Abschreibungen, Unterhaltung, Pacht, allgemeine Gemeinkosten, Zinsen und Steuern.
Wie verbinden erfolgreiche Betriebe Wirtschaftlichkeit und Umweltleistungen?
Auch aus Umweltsicht schneiden die BioDivMilch-Betriebe gut ab. Die Universität Göttingen untersuchte dafür die Nahrungskonkurrenz: Sie beschreibt, wie viel für Menschen essbares Protein über das Futter eingesetzt und wie viel über Milch und Fleisch für die menschliche Ernährung bereitgestellt wird (Human-edible Protein Conversion Ratio, hePCR). Bei einem Wert unter 1 erzeugen die Tiere netto mehr für Menschen nutzbares Protein, als sie über potenziell essbare Futtermittel aufnehmen. Bis auf wenige Ausnahmen lagen die untersuchten Betriebe unter diesem Wert. Als wichtige Schwelle erwies sich ein Kraftfuttereinsatz von weniger als etwa 180 g je kg Milch. Eine geringe Nahrungskonkurrenz ging zudem mit weiteren Umweltleistungen einher: Betriebe mit einer hePCR unter 1 erzeugten 53 % mehr Milch aus Gras und wiesen geringere Stickstoffüberschüsse, eine höhere Grünland-Artenvielfalt und eine vielfältigere Grünlandnutzung auf. Ihre Milchleistung je Kuh lag im Mittel 17 % niedriger (Wild 2026). (vgl. Artikel Proteinkonvertierungseffizienz)
Welche unterschiedlichen Produktionsstrategien gibt es?
Anhand der Fütterung und Flächennutzung identifizierte die Universität Göttingen drei unterschiedliche Strategien, mit denen die Betriebe ihre kraftfutterreduzierte Milcherzeugung umsetzen (Wild 2026). Ein System wirtschaftet konsequent dauergrünlandbasiert: Mehr als 85 % der Futterfläche bestehen aus Dauergrünland; externe Inputs werden auf ein Minimum begrenzt. Ein zweiter Weg verbindet Dauergrünland mit Ackerfutterbau, insbesondere Kleegras, und nutzt damit Acker- und Grünlandflächen für die Futterversorgung. Die dritte Sytemtyp nutzt ebenfalls einen hohen Anteil Dauergrünland, setzt aber moderater zusätzliche Inputs wie Kraftfutter und Mais ein und erreicht höhere Leistungen je Tier und Fläche. Alle drei Systemtypen bleiben trotz dieser Unterschiede Netto-Nahrungserzeuger, allerdings mit Abstufungen bei der Nahrungskonkurrenz und den damit verbundenen Umweltleistungen. Da die drei Systemtypen unter unterschiedlichen Standort- und Betriebsbedingungen entstehen, sind sie nicht als „besseres“ oder „schlechteres“ System oder als Rangfolge einzuordnen.
Was braucht es, damit sich grünlandbasierte Milchsysteme stärker verbreiten?
Die Politik muss die Umstellung auf eine grünlandbasierte Milcherzeugung als eigenständigen Entwicklungsweg gezielt unterstützen. Die künftige GAP bietet dafür Ansatzpunkte: Sie kann Betriebe bei der Umstellung unterstützen und zugleich Produktionssysteme honorieren, die dauerhaft besondere Umwelt- und Gemeinwohlleistungen erbringen. Gerade die Ergebnisse von BioDivMilchplus zeigen, dass eine grünlandbasierte Milcherzeugung geringe Nahrungskonkurrenz mit weiteren Umweltleistungen verbinden kann. Ziel sollte deshalb sein, Betrieben den Einstieg in solche Systeme zu ermöglichen und ihre Leistungen anschließend verlässlich abzusichern.
Für eine breitere Umsetzung braucht es jedoch einen größeren Werkzeugkasten. Die beteiligten Landwirt:innen haben fehlende Beratung und fachliche Begleitung für grünlandbasierte Systeme ausdrücklich als Leerstelle benannt. Umstellung bedeutet zudem mehr als eine veränderte Fütterung: Herde, Zucht, Fütterung und Grünlandbewirtschaftung müssen zum System passen, Beratung und Ausbildung entsprechendes Wissen aufbauen und die Entwicklung durch Forschung begleitet werden. Peer-to-Peer-Lernen, Betriebsbesuche und Schulungen können Erfahrungswissen verbreiten. Gleichzeitig gilt es, geeignete Standards und Zertifizierungsansätze zu entwickeln und über Vermarktung zusätzliche Wertschöpfung zu erschließen.
Entscheidend ist, die bereits heute auf Praxisbetrieben sichtbare Verbindung von wirtschaftlicher Tragfähigkeit und hohen Umweltleistungen auf mehr Betriebe zu übertragen. Wissen, betriebliche Entwicklung, Vermarktung und geeignete politische Rahmenbedingungen können dazu beitragen, solche Produktionssysteme in die Breite zu bringen und zugleich ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit zu stärken.
Autorin
Dr. Karin Jürgens
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- Agora Agrar (2026): Die Zukunft von Landnutzung und Ernährung in Deutschland. Auf dem Weg zur Klimaneutralität. Berlin: Agora Agrar.
Studie bei Agora Agrar - Poux, X.; Aubert, P.-M. (2022): Putting permanent grassland at the heart of a European agroecological transition: Findings and questions arising from the ‘Ten Years for Agroecology’ (TYFA) scenario. Grass and Forage Science 77 (4), 257–269. DOI: 10.1111/gfs.12597.
Publikation bei IDDRI - Windisch, W. (2021): Can we do without livestock? Journal of Consumer Protection and Food Safety 16, 193–194. DOI: 10.1007/s00003-021-01338-w.
Publikation bei Springer Nature - Wild, M.; Komainda, M.; Bettin, K.; Jürgens, K.; Isselstein, J. (2025): Feed the green for a sustainable and protein-efficient dairy production. Agricultural Systems, 223, 104216. DOI: 10.1016/j.agsy.2024.104216.
- Wild, M. (2026): „Milch aus Gras – Grünland auf dem Teller“. Was kraftfutterreduzierte Betriebe leisten können. Ergebnisvorstellung im Rahmen des Projektes BioDivMilchplus, Workshop in Wipperfürth, 6. Juni 2026.
- Blättler, T.; Durgiai, B.; Knapp, L.; Haller, T. (2015): Projekt Optimilch: Wirtschaftlichkeit der Vollweidestrategie – Ergebnisse 2000 bis 2010. Agrarforschung Schweiz 6 (7–8), 354–361. DOI: 10.24451/arbor.6936.
Publikation im Repository der BFH - Blättler, T.; Durgiai, B.; Knapp, L.; Haller, T. (2015): Projekt Optimilch: Wirtschaftlichkeit der Hochleistungsstrategie – Ergebnisse 2000 bis 2010. Agrarforschung Schweiz 6 (7–8), 346–353. DOI: 10.24451/arbor.6937.
Publikation im Repository der BFH - Dentler, J.; Kiefer, L.; Hummler, T.; Bahrs, E.; Elsäßer, M. (2020): Wie nachhaltig und konkurrenzfähig ist die grünlandbasierte Milcherzeugung in benachteiligten Mittelgebirgslagen Süddeutschlands? Berichte über Landwirtschaft 98 (1). DOI: 10.12767/buel.v98i1.264.
Originalbeitrag in Berichte über Landwirtschaft - Jürgens, K.; Poppinga, O.; Sperling, U. (2016): Wirtschaftlichkeit einer Milchviehfütterung ohne bzw. mit wenig Kraftfutter. Forschungsbericht zur Studie im Auftrag der Internationalen Forschungsgemeinschaft für Umweltschutz und Umwelteinflüsse auf Mensch, Tier, Pflanze und Erde e. V. Arbeitsergebnisse 08/2016. Kasseler Institut für ländliche Entwicklung e. V.
- Jürgens, K.; Bettin, K.; Thomas, F.; Poppinga, O.; Isselstein, J. (2020): Für mehr Artenvielfalt im Grünland: Die Wettbewerbsfähigkeit der kraftfutterreduzierten Milchviehhaltung stärken! Arbeitsergebnisse 14. Kasseler Institut für ländliche Entwicklung e. V., Gleichen.
- Jürgens, K.; Wild, M. (2026): Ein anderer Weg der Milcherzeugung. Forschungsvorhaben zeigt, dass eine auf das Grünland gestützte Milcherzeugung ökologisch und ökonomisch überzeugen kann. In: Der kritische Agrarbericht 2026, S. 182–187.
- Jürgens, K.; Bettin, K.; Isselstein, J.; Poppinga, O.; Thomas, F. (2023): Verbesserung der Grünlandbiodiversität durch kraftfutterreduzierte Milcherzeugung. BfN-Schriften 670. Bundesamt für Naturschutz, Bonn. 135 S. ISBN 978-3-89624-432-1. DOI: 10.19217/skr670.
- Leisen, E.; Rieger, T. (2011): Wirtschaftlichkeit ökologischer Milchviehhaltung bei unterschiedlichem Weideumfang – 5-jährige Auswertung. Beitrag zur 11. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Gießen, 15.–18. März 2011.
Publikation bei Organic Eprints - Taube, F. (2026): Dauergrünland für Lebensmittelerzeugung, Natur- und Klimaschutz in Wert setzen. Studie 26/02 im Auftrag des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz (WBNK), Berlin.
- Tubritt, T.; Shalloo, L.; Gilliland, T. J.; McHugh, N.; O’Donovan, M. (2021): Incorporation of the grazing utilization subindex and new updates to the Pasture Profit Index. Journal of Dairy Science 104 (10), 10841–10853. DOI: 10.3168/jds.2021-20134.
Originalbeitrag im Journal of Dairy Science