Weidetiere im “toten Winkel” des Naturschutz? 

von Lioba Degenfelder

Die Artenverluste in Deutschland sind nach wie vor ungebrochen. Eine Trendwende im Erhalt von Biodiversität und Artenvielfalt ist bis dato nicht in Sicht. 
Vor allem im Offenland sehen wir, dass wir beispielsweise das Verschwinden der Wiesenbrüter als wichtige Indikatorart für offene Agrarlandschaften allenfalls verlangsamen, nicht aber aufhalten können (PECBMS, 2025).

Welche Chancen für den Artenschutz liegen also im Einsatz von großen Weidetieren und welche Hürden sehen Naturschutzverantwortliche? 

Offenland und Weidetiere – “Toter Winkel” des Naturschutz? 

Mitteleuropa war in der jüngeren Erdgeschichte von Herden großen Pflanzenfressern belebt, welche die Ressourcen der Natur nutzten und so auch formten. (Haft, 2024) 

Dann breitete sich auch in Mitteleuropa der moderne Mensch aus. Es reichten anfangs schon wenige, aber erfolgreiche Jäger, die schnell die großen wilden Pflanzenfresser ausrotteten und damit die Ausdehnung von Wäldern begünstigten. (Haft, 2024) 

Dieses „Zerrbild” von natürlichen Landschaften spiegelt sich auch in der strengsten Schutzkategorie für Gebiete in Deutschland wider, den Nationalparken. Alle terrestrischen Nationalparke haben zwar ein Wildnisziel, der Einfluss von Herbivoren mit Ausnahme von Rot- und Rehwild, ist allerdings nicht vorgesehen und selbst diese stehen vielfach unter Managementeinfluss.  

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So könnte eine urzeitliche Landschaft ausgesehen haben. (KI-generiertes Bild)

“Wir müssen uns Mitteleuropa als eine Gemengelage sehr diverser Landschaften vorstellen: vielleicht halboffene Landschaften in den planaren und kollinen Bereichen, die intensiv von den großen wandernden Herbivoren genutzt wurden, daneben ausgedehnte, vom Biber geprägte Auenlandschaften mit Bruchwäldern und vor allem im Norden große Moorflächen, die allerdings kaum von Weidetieren genutzt waren, allenfalls regional vom Elch. Die steileren, bergigen Standorte waren sicher waldreich, denn warum sollten sich die großen Herbivoren dort länger aufhalten auf ihren jährlichen Migrationen in die flacheren Hochlagen. Diese waren anders als heute vermutlich auch eher halboffen und sicher keine geschlossenen Wälder. Lassen wir doch die Imagination zu, dann sehen wir in Mitteleuropa noch vor 5.000 Jahren Großtierherden von Auerochse, Wisent oder Rotwild, die ganzjährig umherzogen. Diese waren neben dem Biber die wichtigsten Auslöser und Gestalter der offenen und halboffenen Landökosysteme.“

– Prof. Dr. Rainer Luick, Biologe und Hochschullehrer 

 

 „In dieser Erkenntnis liegt der Schlüssel zum Verständnis des großen Paradoxons im Naturschutz: Wird heute ein Gebiet von jeglicher Nutzung freigestellt, entwickelt sich in der Regel dichter Wald. Schlussfolgernd setzen wir den Wald mit ursprünglicher Natur gleich.“

Tierfilmer Jan Haft

Einzelner Busch auf Landwirtschaftsfläche

Wenn Vernetzungsstrukturen zwischen den einzelnen Schutzflächen fehlen führt das zu einer Verinselung der Biotope ohne die Möglichkeit des genetischen Austausches.

Wo fehlt der Blick aufs große Ganze?

Natur- und Artenschutz fehlt nach wie vor die dringend notwendige politische Unterstützung. Das zeigt sich z.B. in der Mittelausstattung oder in Gesetzgebungsverfahren.

Neben diesen strukturellen Problemen ist aber auch die Denkweise und somit die Umsetzung von Schutzmaßnahmen im Naturschutz immer wieder neu zu überdenken.

„Konventioneller“ Naturschutz denkt oft in zu kleinräumigen Flächeneinheiten. Diese sind hinsichtlich ihrer Artenausstattung zwar gut erfasst, aufwändig beplant und mit ausgeklügelten Management- und Pflegeplänen belegt – das große Ganze gerät hingegen aus dem Blickfeld.

Wenn Biotopen die Vernetzung fehlt, droht eine sukzessive Verarmung der genetischen Vielfalt der Artengruppen und im schlimmsten Fall das leise Verschwinden von Arten.

Gerade im Offenland stellt sich die Frage, ob der klassische Naturschutzansatz – der häufig einen vollständigen Nutzungsverzicht vorsieht und damit das Verschwinden von Weidetieren bewirkt – die beste Lösung ist.

“Naturschützer gärtnern gern.”

Edgar Reisinger, Biologe und Beweidungsexperte

Tiere auf der Weide – eine Quelle des Chaos ? 

Klassische Denkweisen des Naturschutzes haben oftmals die Tendenz, über detaillierte und lagespezifische Planungen die vermeintliche Kontrolle über Entwicklungsprozesse und Artzusammensetzungen zu erlangen. Großherbivore auf Flächen zu lassen und in den Prozess zu vertrauen, ohne einzugreifen ist auch eine gedankliche Herausforderung für viele Umweltplaner. Rinder erzeugen offene Trittstellen, Fressen oder Zertrampeln auch streng geschützte Arten – ein Graus für den normativen Naturschutz und deren Planungsprämissen mit festgezurrter Zielsetzung für ein bestimmtes Artinventar und dem festgelegten, statischen Entwicklungsziel von Schutzgebieten.  

Woher beziehen Naturschutzkonzepte ihre normativen Maßstäbe? 

„Die normative Basis, also das was sozusagen die „gute fachliche Praxis“ des Naturschutzes ist, wurde vor allem von Botanikern zwischen den 1930 und 1960er Jahren definiert. Die FFH-Richtlinie der EU wurden beispielsweise in den 1980er Jahren festgeschrieben.  

„Die „Urväter“ des modernen Naturschutzes konnten allerdings nur auf beschränktes Repertoire für landschaftliche „Blaupausen“ des Naturschutzes zurückgreifen. So hatte man zum Beispiel in aller Regel keine Möglichkeiten, um „hinter dem Eisernen Vorhang“ in Osteuropa echte und großflächige Urwälder zu bereisen und zu beforschen. Man hatte eine Ahnung von der hohen biologischen Vielfalt der Kulturlandschaften im Osten, aber die Schlussfolgerung, dass diese Vielfalt mit den großflächigen durch Weidetiere (Nutztiere) geprägten und vielfach halboffenen Landschafen korrelierte erfolgte nicht.  Auch das führte zum verengten Blick auf das was „Natur in offenen Landschaften“ eigentlich sein soll.“, so Prof. Rainer Luick. 

“Diese Botaniker hatten leider den Dualismus zwischen Wald und Offenland, den es aus ökologischer Sicher in der Form natürlich nicht gibt, verinnerlicht. Das zeigt sich z.B. daran, dass wir ein Wald- neben einem Naturschutzgesetz haben oder dass die beiden Bereiche in der Verwaltung, vom Ministerium bis zur Unteren Naturschutzbehörde getrennt sind.“, so Luick weiter.  

Edgar Reisinger, Biologe und Beweidungsexperte sieht die Skepsis gegenüber der Beweidung vieler Naturschutzverantwortlichen in der Vergangenheit so begründet: “Botaniker kommen aus der Denkschule der 1920er bis 1989 Jahre und haben die Beweidungsmethoden der 60er Jahre im Kopf. Dort wurde oftmals heillos überbeweidet und mit der Artenvielfalt auf Weideflächen war es nicht weit her.“ 

 

Wildpferde auf Weidlandschaft

Auch Wilde Weiden müssen sich an den Maßstäben des gesetzlichen Schutz von Nutztieren halten.

Auch „Wilde Weiden“ brauchen Management

Prof. Rainer Luick weist darauf hin, dass auch eine Naturschutz-Beweidung ein gutes Management braucht: „Jedes Projekt mit Weidetierhaltung muss zunächst von den Bedürfnissen der Tiere her gedacht werden. Dies ist nicht nur Grundlage für gesellschaftliche Akzeptanz, sondern auch elementar aus rechtlicher Sicht. Denn mit wenigen Ausnahmen werden in unseren Weideprojekten keine Wildtiere, sondern Haustiere (Nutztiere) gehalten, wenn auch sehr extensiv und nahe am Verhalten von wilden Grasern. Diese haben einen völlig anderen Rechtsstatus als Wildtiere, was impliziert, dass unsere zurecht strenge Tierschutzgesetzgebung zu berücksichtigen ist und ein Weideprojekt immer auf veterinärrechtliches und -medizinisches d ´Accord angewiesen ist.“ „ 

Luick plädiert weiter für ein Nebeneinander verschiedenster Weidesysteme, von der extensiven großflächigen „Wilden Weide“ bis zur kleinen, temporären Alm. Einem allzu großen Dogmatismus steht er kritisch gegenüber, da die Umsetzung mit den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen (von Förderprogrammen bis hin zu den Veterinär-Vorgaben) in Einklang gebracht werden müssen, um dauerhaft zu bestehen und Erfolg zu haben.  

Weidende Kühe auf einer Naßwiese

Verantwortliche müssen Vertrauen entwickeln in die Grundidee: Kommen die großen Tiere – kommt das Ökosystem, nicht umgekehrt. 

Welches Mindset braucht Naturschutz um Beweidung „auszuhalten“?  

Zahlreiche Rewilding–Projekte überall auf der Welt zeigen die Positiventwicklung für die Biodiversität. Diese passiert oftmals sehr viel schneller, als man es sich erträumen ließe.  

Beweidung als großräumigen Natur- und Artenschutz zu verstehen, braucht eine entscheidende Fähigkeit von Naturschützer:innen und Bewirtschafter:innen: sich gegenseitig als echte Partner:innen anzuerkennen und einen gewissen Mut in der Initiierung von Prozessen ein Naturschutzziel zu sehen. Naturschutz braucht weiter das Erfahrungswissen und die praktische Umsetzungsarbeit von Landwirten:innen, denn Tierhaltung bedeutet eine 24x7x365 Verantwortung und ein gutes Gefühl für ein ständiges und flexibles Austarieren von Erwartungen des Naturschutzes und der ökonomischen Tragfähigkeit eines Weidesystems.  

Das bedarf mitunter einen radikalen Perspektivwechsel- hinein in die Beweg- und Hemmnisgründe von Landwirt:innen für oder gegen die Beweidung.  

Gleichzeitig ist der Naturschutz angewiesen auf Landwirte:innen, die sich für die Idee des Arten- und Biotopschutz begeistern lassen, eine betriebswirtschaftliche Chance darin erkennen und eine Offenheit für die Belange und das Wissen aus dem fachlichen Naturschutz an den Tag legen.  

Das Ziel, Arten- und Lebensraumvielfalt durch landwirtschaftlichen Einsatz zu erreichen kann gerade auf ertragsschwachen Standorten wie feuchten oder mageren Flächen durch kostendeckende, nachhaltige Prämien zu Einkommen und Existenzsicherung in ländlichen Regionen beitragen.  

Sektorübergreifende Dialogräume, in denen sich Vertreter von Landwirtschaft und Naturschutz auf Augenhöhe begegnen sind notwendig, um Vertrauen aufzubauen und den gegenseitigen Wissenstransfer zu unterstützen.

Autorin

Lioba Degenfelder
Projektmanagerin Tierwohl, Nachhaltige Beweidung

Kontakt
Tel. +49 89 179595-17
ldegenfelder@schweisfurth-stiftung.de

Hier finden Sie die verwendeten Quellen

Quellenangaben
  • Hallmann, C.A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H. & de Kroon, H. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE, 12(10), e0185809. 
  • Haft, J. (2024) Warum Berge und Rinder zusammengehören. In: Jahrbuch des Vereins zum Schutz der Bergwelt, 89./90. Jahrgang 2024/2025. München: Verein zum Schutz der Bergwelt, S. 449–466. 
  • PECBMS, The State of Europe´s Wild Birds 2025. CSO, Prague, Czech Republic. 2025 
  • Online Interview: Prof. Rainer Luick, Februar 2026 



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