„Die Kühe sind wieder da!“
Mensch-Tier-Begegnungen auf der Weide.
Von PD Dr. Alexandra Böhm
In vielen Regionen Deutschlands sind Rinder auf der Weide inzwischen eine Seltenheit. Seit dem 18. Jahrhundert sind sie zunehmend aus der Landschaft in die Ställe verschwunden. Heute stehen sie vielfach zu Hunderten in hochspezialisierten Haltungssystemen und werden vor allem als Nutztiere betrachtet – als Produzenten von Milch und Fleisch. Besonders in unserer zunehmend urbanisierten Welt gibt es immer weniger Gelegenheiten, Tieren unmittelbar zu begegnen. Durch die Rückkehr zur extensiven Weidehaltung, die vom Naturschutz als Reaktion auf die Biodiversitätskrise gefördert wird (Finck/Riecken, 2019), ergeben sich auch für die Reformulierung von Mensch-Tier-Beziehungen neue Chancen. Wir sehen Tiere, die einen eigenen Charakter haben, miteinander kommunizieren, neugierig sind, sich pflegen, streiten und Freundschaften bilden. Die Rückkehr der Rinder auf die Weide eröffnet damit nicht nur neue Möglichkeiten für den Naturschutz, sondern auch für eine andere Beziehung zwischen Mensch, Tier und Landschaft.
Warum sehen wir Tiere an?
Vielen Menschen bereitet es Freude und Vergnügen, Tiere anzusehen. Das wird immer wieder deutlich, wenn jedes Jahr im Mai die Rinder in meinem Heimatort auf die beweidete Wiese zurückkommen und die Kinder, aber auch die Erwachsenen aufgeregt rufen, „Die Kühe sind wieder da!“ Diese Neugierde ist bemerkenswert, denn offenbar haben wir ein Bedürfnis danach, Tiere anzusehen und ihnen zu begegnen. Der Kulturphilosoph John Berger hat sich bereits 1980 mit der Frage beschäftigt, warum Menschen Tiere anschauen. Für ihn liegt darin eine besondere Erfahrung: Tiere sind uns zugleich fremd und vertraut. Sie gehören einer anderen Spezies an und ermöglichen gerade dadurch eine Begegnung mit einem „Anderen“. Doch diese Begegnungsmöglichkeit ist in der modernen Gesellschaft zunehmend verloren gegangen. Berger beschreibt die räumliche und konzeptuelle Marginalisierung von Tieren als eine Folge der kapitalistischen Gesellschaft, in der Tiere immer stärker aus unserem Alltag verschwinden (Berger, 2009).
Tiere als Gegenüber
Was verändert sich, wenn wir Tieren tatsächlich begegnen – sie nicht nur als abstrakte ‚Nutztiere‘ begreifen?
Wer sich Zeit nimmt, Rinder auf der Weide zu beobachten, entdeckt schnell, dass die Tiere weit mehr sind als Vertreter einer Tierart. Sie zeigen unterschiedliche Verhaltensweisen, reagieren aufeinander und auf ihre Umwelt und entwickeln individuelle Beziehungen (Steen, 2022). Wenn wir genau hinsehen, können wir uns von diesen individuellen Eigenheiten überraschen lassen. Aus dem anonymen Nutztier wird ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen, Wahrnehmungen und Handlungsmöglichkeiten.
In der Tierphilosophie wird dafür der Begriff der Du-Evidenz verwendet: Ein Tier wird nicht länger als bloßes Objekt wahrgenommen, sondern als ein Gegenüber, dem eigene Bedürfnisse, Intentionen und Emotionen zugeschrieben werden können (Wiedenmann, 2009).
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt Resonanz als eine Form der Weltbeziehung, in der uns etwas wirklich erreicht und zugleich nicht vollständig verfügbar ist. Resonanz entsteht dort, wo uns etwas „mit eigener Stimme“ begegnet, uns berührt und zugleich widerständig bleibt (Rosa, 2016, 456; Rosa, 2022). Eine Kuh auf der Weide kann genau eine solche Erfahrung ermöglichen. Sie steht nicht einfach da, um betrachtet oder genutzt zu werden. Sie reagiert, bewegt sich, wendet sich ab oder kommt näher. Sie bleibt ein eigenständiges Wesen.
Landschaft und Ästhetik
Die Tradition der Landschaftsmalerei legt ebenso wie empirische Studien nahe, dass wir Landschaften als besonders schön wahrnehmen, wenn sie bestimmte Elemente aufweisen. Neben einer abwechslungsreichen Vegetation mit markanten Solitärpflanzen, wie wir sie in traditionellen Hutewäldern finden, sind das vor allem weidende Tiere. Hierbei handelt es sich um Kennzeichen von Kulturlandschaften. Das ist kein Zufall. Landschaften, die wir heute als idyllisch wahrnehmen, sind häufig das Ergebnis einer jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte von Menschen, Tieren und Pflanzen (Reisinger/Nickel 2019).
Doch darüber hinaus verändert sich auch unser Blick. Eine von Rindern beweidete Wiese wird zu einer Erfahrung, dass diese Tiere diese Landschaft mitgestalten: Sie fressen bestimmte Pflanzen, schaffen durch ihr Verhalten unterschiedliche Vegetationsstrukturen und beeinflussen damit Lebensräume für zahlreiche andere Arten. Extensive Weidehaltung kann deshalb einen wichtigen Beitrag zum Erhalt artenreicher Kulturlandschaften leisten (Finck/Riecken 2019). Zugleich wird die Landschaft von einer schönen, aber stummen und statischen Kulisse zu einem lebendigen und sich dynamisch verändernden Raum. Die Anwesenheit der Tiere verändert damit nicht nur die Landschaft selbst, sondern auch die Art, wie wir sie wahrnehmen.
Weidehaltung bringt Herausforderungen mit sich. Dabei ist das Verhältnis des Landwirts zu seinen Tieren entscheidend.
Der Landwirt und seine Rolle für unsere Kulturlandschaft
Am Beispiel des fränkischen Kleinbauern Willi S., dessen Hof seit 1737 im Besitz seiner Familie ist, zeigen sich Chancen und Herausforderungen der extensiven Weidehaltung. Auf die Frage, warum er diese Form der Landwirtschaft seit Jahrzehnten praktiziere, antwortet er, dass es ihm „schon immer gefallen“ habe, und es wohl „schon ein wenig in der Genetik“ liege – denn bereits seine Eltern, Jahrgang 1931 und 1934, hätten als Kinder noch bis 1949 ihre Kühe gehütet und Freude daran gehabt.
Dabei war die Weidehaltung keineswegs immer gesellschaftlich anerkannt. In den 1980er Jahren hieß es vom Amt für Landwirtschaft, „was ich da machen will, das ist völlig rückständig“.
Natürlich bringt Weidehaltung Herausforderungen mit sich. Gerade in klein strukturierten Gebieten wie Franken ist sie arbeitsintensiv. Und auch das Verhältnis des Landwirts zu seinen Tieren ist entscheidend – man muss sich Zeit nehmen und einen guten Bezug zur Kuh haben, die an den Freigang gewöhnt werden und mit den Menschen kooperieren müsse (Bärnthol 2023). Auch Konflikte mit Nachbarn ließen sich nicht immer vermeiden, etwa wegen der Fliegen oder der verschmutzten Straßen. Für die Mehrheit sei es aber eine große Freude, die Kühe auf der Weide zu beobachten. „Für viele, die dann dort zuschauen“, erzählt er, „ist das schon wie Yoga“.
Die Wahrnehmung der Menschen heute verändert sich zusehends – in Bezug auf das Wohl von Tier, Mensch und Landschaft. Die Rolle, die der Landwirt in diesem Zusammenhang immer schon hatte, drückt seine abschließende Bemerkung aus: „Das ist einfach das. Die Kulturlandschaft mit ihrer Artenvielfalt hat sich eigentlich erst dadurch, durch diese Lebensform der bäuerlichen Bevölkerung, so entwickelt.“
Konsumentscheidungen
Unsere Gesellschaft unterscheidet häufig sehr deutlich zwischen ‚Haustieren‘ und ‚Nutztieren‘. Während wir Hunden und Katzen Namen geben, ihre individuellen Eigenschaften kennen und ihnen Fürsorge und Zuneigung entgegenbringen, bleiben Rinder, Schweine oder Hühner meist anonym (Sezgin 2014). Weidehaltung kann diese Trennung irritieren. Wenn Rinder die Anonymität der Ställe verlassen und in die Landschaft zurückkehren, werden sie zu konkreten Individuen, die wir wiedererkennen können. Es entsteht die Möglichkeit überraschender Begegnungen und Interaktionen, die Empathie fördern können (Böhm/Ullrich 2019).
Die Wahrnehmung der Tiere in diesen Begegnungen als Individuen, die eigene Empfindungen haben und den Menschen durchaus ähnliche Verhaltensweisen aufweisen, kann langfristig zum Nachdenken anregen, wieviel Verantwortung für das Wohl der Tiere wir übernehmen möchten – etwa in der Bereitschaft, höhere Preise für Fleisch- und Milchprodukte aus Weidehaltung zu zahlen. Weidehaltung ist in erster Linie keine wirtschaftliche Entscheidung, sondern eine, die Tiere als Mitlebewesen anerkennt. Statt sie weiterhin als Produktionsmittel unsichtbar zu machen, fördert sie resonante Mensch-Tier-Natur-Beziehungen, die entscheidend zur dringend benötigten Nachhaltigkeitstransformation beitragen können.
Autorin
PD Dr. Alexandra Böhm
PD Dr. Alexandra Böhm ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Sie hat dort die Sonderausstellung „Hello Nature – Wie wollen wir zusammenleben?“ kuratiert. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die Environmental Humanities. Aktuell arbeitet sie an einem kulturwissenschaftlichen Projekt zu Biodiversität.
Kontakt
Germanisches Nationalmuseum
90402 Nürnberg
a.boehm@gnm.de
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- Böhm, Alexandra und Jessica Ullrich. 2019. Animal Encounters: Kontakt, Interaktion, Relationalität. Metzler.
- Bärnthol, Renate. „Tiere draußen: Weidelandschaften“. In Tierisch Nützlich: Der Mensch und sein Vieh, herausgegeben von Herbert May und Markus Rodenberg, 281–301. Michael Imhof Verlag, 2023.
- Berger, John. 2009. Why Look at Animals? Penguin.
- Finck, Peter und Uwe Riecken (2019). „Einleitung“. In Naturnahe Beweidung und NATURA 2000, herausgegeben von Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V., 14–17. 2. Auflage. Bad Sassendorf.
- Reisinger, Edgar und Herbert Nickel. 2019. „Die Ästhetik von Weidelandschaften“. In Naturnahe Beweidung und NATURA 2000, herausgegeben von Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V., 350–357. 2. Auflage. Bad Sassendorf.
- Rosa, Hartmut. 2016. Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
- Rosa, Hartmut. 2020. Unverfügbarkeit. Suhrkamp.
- Sezgin, Hilal. 2014. Unsere Verwandten mit Fell und Pfoten: Ethische Überlegungen zum Tier als Ressource und Mitlebewesen. In Arche Noah: Über Tier und Mensch in der Kunst, herausgegeben von Katja Knicker und Kurt Wettengl, 62–65. Museum Ostwall im Dortmunder U.
- Steen, Pamela. 2022. Menschen – Tiere – Kommunikation: praxeologische Studien zur Tierlinguistik. Cultural Animal Studies 11. Metzler.
- Wiedenmann, Rainer E. 2009. Tiere, Moral und Gesellschaft: Elemente und Ebenen humanimalischer Sozialität. Verlag für Sozialwissenschaften.