Was ist Low-Stress-Stockmanship?
Vom stressfreien Umgang mit Rindern
von Philipp Wenz
Low-Stress-Stockmanship (LSS) ist eine außerordentlich vielseitige Methode, um mit Herdentieren zu arbeiten. Sie ist entwickelt worden, um Kontrolle über extensiv gehaltene Weidetiere mit einem Minimum an technischer Ausrüstung zu bekommen. Sie beruht darauf, wie sich der Mensch den Tieren gegenüber bewegt und positioniert. Die Methode hat die Reaktionen der Tiere genau beobachtet, systematisiert und sie soweit über den normalen landwirtschaftlichen Rahmen hinaus für die Arbeit mit den Tieren nutzbar gemacht.
Durch ein Verstehen des Tierverhaltens kommt es zu einer echten Zusammenarbeit von Mensch und Tier jenseits von Prägung und Konditionierung.
Viel Weidegang ist schön – aber verwildern die Tiere nicht auf der Weide?
Tiere, die ganztägig auf der Weide stehen, nicht regelmäßig in den Stall kommen, können sich so vom Menschen entwöhnen, dass allfällige Maßnahmen wie Sortieren, Verladen, Behandeln zur Herausforderung für Mensch, Tier und Material werden können. Tiere aus der Milchviehhaltung beispielsweise, die im Frühjahr auf die Weide gebracht werden, verwildern während der Vegetationszeit auf der Weide dermaßen, dass sie im Herbst nur mit viel Mühe wieder einzufangen sind. Traditionelle Methoden, z.B. des Anfütterns mit Lockfutter werden häufig genutzt, haben aber vielfache Grenzen.
Low-Stress-Stockmanship (LSS) verfolgt demgegenüber den Ansatz des verstehenden Arbeitens mit den Tieren in Form des Treibens.
Was ist LSS und wo kommt es her?
LSS kommt aus den USA und ist von Bud Williams (1931 – 2012) entwickelt worden. Es beruht auf der Kommunikation (= Verständigung) zwischen Mensch und Tier. (Bei Freude an Wortspielen könnte man also auch von Kuh-munikation sprechen…). LSS nutzt die primären Elemente Position und Bewegung, wie man sich also den Tieren gegenüber positioniert und bewegt. Diese wirken unmittelbar. Sprache, die für uns Menschen so essenziell ist, ist demgegenüber nur ein sekundäres Element. Kommandos müssen die Tiere erst lernen, sind also sekundär.
LSS kann für alle Arbeiten genutzt werden. Vom einfachen Weideumtrieb, über das Einfangen einer Herde für eine tiermedizinische Behandlung, den Zutrieb in den Behandlungs- bzw. Klauenstand, das Sortieren und Verladen auf der Weide von Gruppen oder auch von Einzeltieren – praktisch also immer und überall.
LSS kann für alle Arbeiten genutzt werden und ist vielseitig anwendbar:
- Einzeltieren und Herden
- männlichen und weiblichen Tieren
- jungen und alten Tieren
- allen Rassen
- auf der Weide und im Stall
Was ist der Vorteil des Treibens gegenüber dem Locken
Beim Locken geht es darum, dass die Tiere zu einem her kommen. Bei allem anderen, Sortieren, Verladen, Behandeln, möchte ich den Tieren „sagen“ wohin sie gehen sollen; und in der Regel sollen sie von einem weg gehen. Insofern ist Locken nur bedingt geeignet.
Gleichzeitig lernen die Tiere durch das Treiben mit Druck umzugehen. Und Druck entsteht unvermeidlich, wenn man sie in einen beengten Hänger, , Treibegang, Behandlungsstand bringt oder sie vereinzelt. Mit Druck umgehen zu lernen bedeutet, dass ein bis dahin unerträglicher Druck erträglich wird. Durch diese Art des Arbeitens entsteht ein qualifiziertes Vertrauen, eines das auch dann trägt, wenn die Anforderungen steigen.
Die Praxis zeigt leider immer wieder, Tiere zu sich herlocken, füttern und streicheln zu können, bedeutet nicht, sie auch verladen und behandeln zu können. Dazu reicht dieses naive Vertrauen auf Futter nicht aus.
Kann LSS alleine angewendet werden oder braucht man dazu Helfer?
Grundsätzlich kann man mit LSS viele Arbeiten sehr gut allein erledigen. Da die Tiere durch die Arbeit mittels Position und Bewegung verstehen, was wir von ihnen wollen, schaffen wir im besten Falle die gleiche Arbeit schneller und mit weniger Helfern. Wenn man mit Helfer arbeiten, müssen sie aber mit den Grundsätzen von LSS vertraut sein, damit es den vielen Helfern nicht ergeht wie den vielen Köchen mit dem Brei. Guter Wille allein reicht nicht aus, es braucht auch Wissen. Unser instinktives Handeln führt leider häufig zu Missverständnissen und nicht zu einer verstehenden Zusammenarbeit sondern zu einem Gegeneinander. Wenn eine Situation dann aus dem Ruder läuft, haben wir eine bequeme Erklärung parat: Die Rinder sind halt blöd!
Die Rinder reagieren auf uns, primär auf Position und Bewegung. Daher hilft es zu wissen, wie die Tiere „funktionieren“.
Die 5 Gebote des Rindertreibens
Diese 5 Geboten kann man mit hunderten Beispielen aus der Praxis unterlegen. Sie sind ein Konzentrat, das wegen seiner Einfachheit gerne in seiner Bedeutung und Reichweite unterschätzt wird.
- Tiere wollen sehen, was oder wer sie treibt
- Tiere gehen dorthin, wohin sie schauen.
- Bewegung erzeugt Bewegung
- Tiere haben wenig Geduld
- Tiere haben nur eins im Sinn
Wie nehmen Rinder die Welt wahr?
Um es zunächst einmal sehr einfach zu sagen: Anders als wir Menschen. Woher können wir das wissen? Aus der Beobachtung ihrer Sinnesorgane und aus ihrem Verhalten, wie sie auf die Dinge in ihrer Umwelt reagieren. Offensichtlich sind ihre Ohren größer als unsere und beweglich. Ihre Augen sind größer, vorne-seitlich positioniert im Gegensatz zum menschlichen Auge, das nur nach vorne gerichtet ist. Sie haben eine horizontal-längliche Pupille gegenüber der runden des Menschen. Mit einigem Nachdenken finden wir heraus, was das bedeutet. So haben sie beispielsweise ein weiteres Gesichtsfeld als Menschen. Beim Menschen ist es etwa 180°, beim Rind 300°.
Mitunter wird aus dem anderen Sehvermögen versucht das andere Verhalten von Rindern abzuleiten. Das ist etwas kurz gedacht. Rinder sind vorsichtig, zögerlich, wenn etwas fremd ist – nicht auf Grund ihres anderen Sehens. Bei allen Tieren können wir ein sehr zögerliches Verhalten in fremder, neuer Umgebung/Untergrund beobachten. Es ist nicht das Sehen das Problem, sondern das Unbekannte. Dann brauchen die Tiere einfach etwas Zeit, sich damit vertraut zu machen.
Rinder hören sehr gut – und sie mögen es leise. Je leiser, desto besser.
Rinder riechen sehr gut. Um einen neuen, fremden Gegenstand (auch Menschen) kennenzulernen gehört für sie das Beschnuppern dazu.
Was ist das Zonenkonzept?
LSS arbeitet mit den Reaktionen der Tiere auf den Menschen, wie sie auf seine Position und Bewegung reagieren. Zunächst können wir drei unterschiedliche Reaktionen unterscheiden, die etwas mit der Entfernung zu tun haben:
- Sie reagieren gar nicht auf den Menschen – Neutrale Zone
- Sie schauen nach dem Menschen – Beobachtungszone
- Sie bewegen sich – Bewegungszone
Diese Zonen sind nichts Einheitliches, festes. Sie unterscheiden sich zwischen verschiedenen Tieren einer Herde, sind aber auch beim gleichen Tier in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich groß. Wir können darüber normale, faule (büffelige) und scheue, ängstliche Tiere in ihren Reaktionen (technisch) beschreiben. Scheue, ängstliche Tiere haben eine sehr große Beobachtungs- und Bewegungszone; büffelige eine kleine.
Sobald wir in die Beobachtungs-Zone kommen, beginnt die Arbeit mit den Tieren!
Und wie hilft mir das nun bei der Arbeit mit den Tieren?
Das Zonenkonzept macht uns aufmerksam auf die Reaktionen der Tiere. So erkennen wir z.B. im Moment der Verhaltensveränderung, in welcher der Zonen wir uns befinden. Rinder reagieren sehr aufmerksam auf uns. Wir bekommen das häufig nicht mit, weil wir z.B. abgelenkt sind, mit den Gedanken woanders oder auch nur denken, die Tiere sind ja noch weit weg. Für ein normales oder büffeliges Tier mag das stimmen, nicht aber für ein ängstliches. Diese Kuh ist dann schon nervös, wenn wir glauben, die Arbeit sei noch gar nicht losgegangen. Sie war es nicht, bevor wir gekommen sind (in ihrer Beobachtungszone).
Kommunikation = Verständigung ist ein Prozess der in beide Richtung sendet und empfängt.
In der Regel beobachten die Rinder uns viel aufmerksamer und früher als wir sie. Daraus erklärt sich manches, was wir als Überreaktion missverstehen.
Was ist mit dem Begriff des verstehenden Arbeitens gemeint?
Die Schuld für frustrierende Erfahrungen in der Arbeit mit den Tieren wird häufig bei den Rindern gesucht: Wenn es mühsam ist oder schief geht, hört man häufig als Grund: Die Rinder sind halt blöd. Das hat nichts mit verstehender Arbeit zu tun. Der häufigste Grund des Misslingens, des Gegeneinander von Mensch und Tier und nicht Miteinander ist Angst. Dumm ist nur, dass wir die Angst der Tiere häufig nicht wahrnehmen oder ignorieren.
Verstehendes Arbeiten meint, diese Eigenarten der Tiere zu sehen und in der Arbeit mit ihnen zu berücksichtigen, sie zu nutzen. Es ist geradezu trivial, aber Tiere haben Gefühle, z.B. Angst, aber auch Freude, Neugierde usw. Es geht nicht darum die Tiere zu vermenschlichen. Verstehendes Arbeiten mit den Tieren bedeutet, die Gemeinsamkeiten aber auch die Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu erkennen und ernst zu nehmen. Und was geht schneller und bereitet mehr Freude: miteinander oder gegeneinander zu arbeiten? Tom Dorrance, der Vater des Horsemanship, sagte einmal: Die Tiere warten nur darauf, dass wir MIT ihnen arbeiten. Sie kämen und uns dann den größeren Teil des Weges entgegen. Das habe ich genauso immer gefunden.
Verstehendes Arbeiten heißt, ihnen entgegenzugehen.
Der häufigste Grund des Misslingens, des Gegeneinander von Mensch und Tier und nicht Miteinander ist Angst.
Die größte Herausforderung für den Menschen liegt darin, sich so zu positionieren und zu bewegen, dass die Tiere auf die gewünschte Art reagieren. Leider widersprechen unsere Instinkte den Reaktionen der Tiere diametral – heißt: instinktiv verhalten wir uns häufig genau falsch, stehen z.B. auf der falschen Seite und machen es für das Tier schwierig. Da die Tiere nur auf uns reagieren, haben sie immer recht. Sie reagieren ja nur. Wir müssen umlernen, damit die Tiere auf die gewollte Weise reagieren.
Ich lasse die Tiere tun, was ich von ihnen möchte.
Bud Williams hat den Unterschied zwischen der „alten“ und neuen Art der Arbeit einmal paradigmatisch so auf den Punkt gebracht:
Alt: Ich mache, dass die Tiere tun, was ich will.
Neu: Ich lasse die Tiere tun, was ich von ihnen möchte.
Um die Methode zu lernen, empfiehlt sich die Teilnahme an Schulungen und Seminare, in denen dieses Wissen praktisch vermittelt und angewendet wird.
Autor
Philipp Wenz
Philipp Wenz, gelernter und studierter Landwirt mit Berufserfahrung als Berater und Betriebsleiter. Aus der (wenig gelingenden) Arbeit mit Mutterkühen entstand die Frage nach funktionierenden Alternativen. Diese Frage fand ihre Antwort im Low-Stress-Stockmanship nach Bud Williams. Seit bald 20 Jahren vermittelt er dieses Wissens und diese Techniken als selbständiger Berater.