Ein historischer Blick auf das Hirtentum

Wie funktionierte eine Landschaft ohne Zäune? 

von Jessica Seibold

Dem Christentum gilt Jesus als Guter Hirte, der Bischofsstab ist einem Schäferstab nachempfunden. Der Gute Hirte selbst, dargestellt mit einem Lamm über den Schultern, ist noch älter als das Christentum. Schon die griechische Mythologie kennt viele Hirten, ebenso die Bibel. Romantisierende Blicke auf das Hirtenleben wirft meist der Adel oder das gehobene Bürgertum seit der Antike; am bekanntesten ist hier wohl die Schäferdichtung des Barock. Aber wer waren diese Hirten und Schäfer wirklich? Wie sah ihr so oft idealisiertes Leben tatsächlich aus und warum machten sie überhaupt erst die Weidehaltung von Nutztieren – und damit anfangs überhaupt die Viehhaltung – möglich? 

Der Hirte Regler hütet Rinderherde in Kainsbach auf einem Hutanger im Mai 1936

Der Hirte Regler hütet die Rinderherde von Kainsbach auf einem Hutanger im Mai 1936. Zu dieser Zeit wurden offenbar noch junge Bäume auf den Hutanger gepflanzt. Kainsbach gehört zur Gemeinde Happurg im Nürnberger Land. In der Hersbrucker Region blieb die (Rinder-)Hirtenkultur bis in die 1960er Jahre lebendig.

Wie funktionierte Weidehaltung früher? 

Seit der Neolithischen Revolution vor frühestens 12000 Jahren halten die Menschen Pflanzenfresser als Nutztiere. Natürlicherweise mussten sich diese Tiere ihr Futter auf einer Weide suchen. Damit die mühsam domestizierten Tiere nicht Raubtieren – oder vielleicht auch Menschen – zum Opfer fielen, musste jemand auf sie aufpassen, wenn nötig Tag und Nacht. Die Tätigkeit des Hirten war entstanden. An diesen Umständen änderte sich bis zur Neuzeit grundlegend relativ wenig.  

Da viele Viehhalter nur sehr wenige Tiere besaßen, entstand schon im 13. Jahrhundert der Gemeine Hirte (Schöller, 2003). Die Viehhalter zahlten eine Abgabe an die Gemeinde und diese stellte einen Knecht an, der alle Rinder des Ortes gemeinschaftlich hütete. Entsprechend gab es auch eine gemeinschaftliche Hut der übrigen Weidetiere. So hatte beispielsweise die Stadt Mindelheim nach ihrer Hirtenordnung von 1586 jeweils einen Nachtross-, Tagross-, Kälber-, Rinder-, Sau- und Geißhirten angestellt (Schöller, 2020). 

 

Histroisches Werkzeug eines Hirten

Arbeitsutensilien des Hirten: Ein Ringstock zum Vertreiben von Wölfen durch Lärm, ein Zugholz als Hilfsmittel bei Kälbergeburten, ein Aderlasseisen zum Kurieren, ein Schießeisen zum Herdenschutz, ein Trokar zur Behandlung aufgeblähter Mägen, ein Stachelhalsband zum Schutz des Hirtenhundes vor Wolfsbissen und ein Kurierbuch mit der seit der Antike bekannten SATOR-Zauberformel.

Wer war der Hirte? Was zählte zu seinen Kompetenzen? 

Seine Anstellung als gemeindlicher Knecht und sein Status als (Grund-)Besitzloser machte ihn innerhalb der dörflichen Sozialordnung zu einem Angehörigen der unterbäuerlichen Schichten (Popp, 2003). Besonders in der handwerklich-bürgerlichen Schicht der Städte und Märkte wirkte sich seine Schindertätigkeit sehr negativ auf sein soziales Ansehen aus. Wer mit Tierkadavern umging, galt als unehrlich, unabhängig davon, dass die Obrigkeit Schäfer und Hirten seit dem 16. Jahrhundert ausdrücklich von diesem Makel gesetzlich befreit hatte.  

Auf dem Dorf fürchtete man den Hirten gelegentlich wegen mancher übernatürlich anmutender Eigenschaften und Fähigkeiten (Schöller, 1973). Beim Hüten der Tiere musste er buchstäblich auf der Hut sein, also immer wachsam die Umgebung und das Vieh beobachtend: Sind alle Tiere wohlauf? Verhalten sie sich normal oder wirken sie geschwächt oder nervös? Verhalten sich die Wildtiere normal oder hören etwa die Vögel plötzlich auf zu singen oder sind gar Alarmrufe zu hören? Suchen Tiere plötzlich Deckung? Schließen sich die Blüten der Wiesenblumen? Verändert sich die Bewölkung? All das konnte Hinweise geben auf mögliche Bedrohungen durch Krankheiten, Raubtiere, Viehdiebe oder ein aufziehendes Unwetter. Diese große Vertrautheit mit der Natur, die den übrigen Zeitgenossen häufig als Gegnerin erschien, und überhaupt die Tatsache, dass der Hirte seine Arbeit allein abseits anderer Menschen verrichtete, nährten den Glauben an seine magischen Fähigkeiten. Der Zauberglaube war bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet und im Volksglauben nicht zu trennen vom christlichen Glauben. So finden zahlreiche Schutz- und Heilzauber, oftmals eine Mischung aus Gebet und Zauberspruch, Eingang in die handschriftlichen Kurierbücher, die manche Hirten hinterlassen haben (Schöller, 1973). Da der Hirte von Amtswegen her zuständig war für die Gesunderhaltung des Viehs, behandelte er dieses oftmals auch selbst und solange es keine Landärzte gab, ebenso den kranken oder verletzten Menschen. Durch seine Heilkenntnisse konnte sich der Hirte trotz seines niederen Status’ ein gewisses Ansehen verdienen (Schott, 2003). 

Hutanger von 1965 in Kainsbach mit Rindern und Hirten

Hier werden die Rinder von Kainsbach im Jahr 1965 auf einem Hutanger, genauer einem Obstanger, vom unterhalb der Herde stehenden Hirten gehütet. Die Obstanger entstanden auf Betreiben der Obrigkeit im 19. Jahrhundert, die sich von der so geschaffenen Möglichkeit der Doppelnutzung der Angerflächen einen höheren wirtschaftlichen Ertrag versprach.

Wo wurde das Vieh nach welchen Regeln geweidet? 

Bei der Dreifelderwirtschaft, die vom Mittelalter bis ins 18./19. Jahrhundert angewandt wurde, griffen Viehweide und Ackerbau untrennbar ineinander. Das Vieh diente der Düngung der Ackerflächen durch die Stoppelweide und die Weide auf dem brach liegenden Drittel. Umgekehrt war diese Weidefütterung auch zwingend notwendig, da die Futtermittel für eine Stallfütterung gerade so für das Winterhalbjahr reichten (Schöller, 2003). Außerdem galt für die bäuerlichen Wiesen ein Vor- und Nachweiderecht. Darüber hinaus gab es Allmendeflächen, z. B. in Form von Hutangern, die ebenfalls als Weide genutzt wurden. Die Landwirtschaft auf dem Dorf funktionierte als bäuerliche Wirtschaftsgemeinschaft, die dem Gemeinwohl diente und so legte man gemeinschaftlich fest, wann das Vieh wo zu weiden war (Schöller, 1973). 

Eine große Bedeutung hatte ebenso die Waldweide. Hier kam es im Laufe der Neuzeit bei wachsender Bevölkerungsausbreitung und dadurch verstärkter Waldweide zu vermehrten Konflikten mit der Dorf- bzw. Territorialherrschaft . Diese erließ strengere Regeln, um den Wald (u.a. für eigene Jagdzwecke) zu schonen. Ziegen waren mitunter ganz von der Waldweide ausgenommen, Schafe durften ebenfalls nur sehr beschränkt im Wald geweidet werden. Das Mitführen von Hunden wurde reglementiert. Forstbedienstete instruierten Hirten, welche Flächen sie zur Weide von Rindern und Schweinen nutzen durften (Schöller, 1973). 

Historsiche Aufnahmen einer Kuhirtin aus 1965 in Kainsbach

Gegen Ende der gelebten Hirtenkultur fand man häufig nicht mehr das gewünschte Personal. So kam es nun vor, dass auch Frauen eine Rinderhirtenstelle besetzten, so wie diese Hirtin 1965 in Kainsbach. Die Rinder tragen immer noch die regionaltypischen Schellenbögen.

Was waren die Gründe für das Verschwinden der Weiden und Hirten? 

Ab dem 18. Jahrhundert begann ein grundlegender Wandel der Landwirtschaft, der zu einer intensiveren Flächennutzung und Tierhaltung führte. Unter anderem ersetzte man die Brache durch Futtermittelanbau, z.B. Klee, und nutzte den Mist gezielter zum Düngen der Felder und Wiesen. Dies ermöglichte eine immer längere Phase der Stallfütterung, bis das Vieh nur noch zu bestimmten Randzeiten bis gar nicht mehr ausgetrieben werden musste. Diese Umbrüche zogen sich bis ins 20. Jahrhundert. So gab es beispielsweise in der Hersbrucker Alb bis in die 1960er Jahre noch Rinderhirten. Hier verzögerte der Anbau des mehrjährigen Hopfens den ausreichenden Anbau von Futtermitteln. Wo immer die Bauern ihr Vieh länger im Stall lassen konnten, schwanden die Hirtenstellen, die noch dazu immer schwerer zu besetzen waren, da große Teile der unterbäuerlichen Schichten in die Städte oder nach Übersee zogen (Seibold, 2018). 

Mächtige Eichen oder ander einzeln stehende Bäume sind oft ein Relikt von verschwundenen Weidelandschaften.

Welche Relikte hat die behütete Weidehaltung hinterlassen? 

Die jahrhundertelang praktizierte behütete Weidehaltung hat v.a. die seit dem Hochmittelalter angelegten Dauerweideflächen landschaftlich geprägt (Schöller, 2003). Am bekanntesten sind sicherlich die Almwiesen. Zum Teil haben sich u.a. im Bayerischen Wald auch Schachten erhalten, also Wiesen innerhalb des Waldes, genutzt als Rast- und Übernachtungsflächen (Schöller, 2003). Seit der 2. Hälfte des 18. und v.a. im 19. Jahrhundert sind in den allermeisten mitteleuropäischen Landschaften die Hutanger durch die Aufteilung der Allmenden verschwunden (Schöller, 2005). Im Nürnberger Land sind so viele Hutanger wie sonst nirgends zu finden: Ca. 500 ha verteilt auf über 120 Einzelflächen, die man noch heute an ihren mächtigen Eichen, alten Obstbäumen und artenreichen Magerrasen erkennt (hutangerblog.de, 2026). Teilweise werden diese ökologisch wertvollen Lebensräume (Hemp, 2005 u. Schütz, 2005) bis heute oder wieder durch Beweidung erhalten. Diese wirkt einer Artenverschiebung durch bloßes Verhindern der Verbuschung durch Mähen entgegen (Wölfel, 2005). 

Der Hirte Löffler aus Aspertshofen

Der Hirte Löffler aus Aspertshofen (Gemeinde Kirchensittenbach, LK Nürnberger Land) hütete die Rinder des Dorfes noch in den 1960er Jahren.

Ist behütete Weidehaltung auch ein Ansatz für heute? 

Dass Weidehaltung artgerechter ist als reine Stallhaltung lässt sich nicht bezweifeln. In Zeiten allerdings, in denen es nicht mehr nur darum geht, das Vieh durch einen Elektrozaun am Verlassen der Weide zu hindern, sondern die Tiere wieder geschützt werden müssen vor Beutegreifern wie dem Wolf, muss sich die Gesellschaft fragen, welchen Preis sie bereit ist zu zahlen für eine artgerechte, nachhaltige Land(wirt)schaft, die gleichzeitig mehr Wildnis (große Beutegreifer) zulässt. Da, wo landschaftlich bedingt die üblichen Schutzmaßnahmen wie Zaun und Hunde nicht ausreichen oder nicht umsetzbar sind, wäre die Beaufsichtigung durch einen Hüter aufwendig, aber eine denkbare Lösung nach historischem Vorbild. 

Autorin

Jessica Seibold

Nach einem Studium der Grundschulpädagogik und-didaktik mit Hauptfach Geschichte brach Jessica Seibold den Weg ins Lehramt nach wenigen Monaten Referendariat ab und studierte weiter Geschichte in einem Masterstudiengang ebenfalls an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. In ihrer Masterarbeit erschloss sie erstmals die im Deutschen Hirtenmuseum Hersbruck verwahrten handschriftlichen Kurierbücher regionaler Hirten. Seit 2015 arbeitet sie im Deutschen Hirtenmuseum als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Museumspädagogin.

Hier finden Sie die verwendeten Quellen

Quellenangaben

 

  • Hemp, Claudia, Hemp, Andreas, Die Pflanzen- und Insektenwelt der Hutanger, in: Naturschutzzentrum Wengleinpark e.V. (Hrsg.), Hutanger. Natur- und Kulturerbe mit Zukunft, Hersbruck 2005 
  • Popp, Bertram, „Der Hirte sitzt auch daselbst“. Bemerkungen zur Behausung einer unsteten Berufsgruppe, in: Böhm, Maximilian u.a. (Hrsg.), Auf der Hut. Hirtenleben und Weidewirtschaft, Neusath-Perschen 2003 
  • Schöller, Rainer G., Der gemeine Hirte. Viehhaltung, Weidewirtschaft und Hirtenwesen vornehmlich des nachmittelalterlichen Umlandes von Nürnberg, Nürnberg 1973 
  • Schöller, Rainer G., Hut und Hirten in Mitteleuropa. Ein soziotypologischer Abriss, in: Böhm, Maximilian u.a. (Hrsg.), Auf der Hut. Hirtenleben und Weidewirtschaft, Neusath-Perschen 2003 
  • Schöller, Rainer G., Anmerkungen zur Geschichte des Espans und des Hutangers unter besonderer Berücksichtigung der Gegend um Hersbruck, in: Naturschutzzentrum Wengleinpark e.V. (Hrsg.), Hutanger. Natur- und Kulturerbe mit Zukunft, Hersbruck 2005 
  • Schöller, Rainer G., Geiß und Bock. Ein Beitrag zur Geschichte problematischer Nutztiere, Hersbruck 2020 
  • Schott, Sebastian, Guts- und Gemeindehirten in der Oberpfalz in der frühen Neuzeit, in: Böhm, Maximilian u.a. (Hrsg.), Auf der Hut. Hirtenleben und Weidewirtschaft, Neusath-Perschen 2003 
  • Schütz, Gerhard, Vielfältige Vogelwelt der Hutanger ist in Gefahr, in: Naturschutzzentrum Wengleinpark e.V. (Hrsg.), Hutanger. Natur- und Kulturerbe mit Zukunft, Hersbruck 2005 
  • Seibold, Jessica, „Taubenkot mit Essig gesotten Bints den Roß über die Geschwulst so vergeht es in“. Die Heilkunst der Hirten zwischen Verdrängung und Professionalisierung, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2018, München 2018 
  • Wölfel, Rainer, Der Heuchlinger Wiederbeweidungsversuch, in: Naturschutzzentrum Wengleinpark e.V. (Hrsg.), Hutanger. Natur- und Kulturerbe mit Zukunft, Hersbruck 2005 
  • https://hutangerblog.de/das-hutangerprojekt/ , zuletzt aufgerufen am 09.07.2026, 11:04 

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