Entwicklung und Bedeutung des Grünlands in der Landwirtschaft
von Lioba Degenfelder
Die landwirtschaftlich genutzte Fläche der Erde besteht zu 70% aus Dauergrünland (FAO, 2023), welche größtenteils entweder nicht als Ackerland genutzt werden kann oder bei seiner Umwandlung in Acker verschiedene Umweltschäden verursacht.
Deshalb lohnt es sich, die Potenziale des Grünlands auch als zentrale Ressource für die Landwirtschaft genauer in den Blick zu nehmen.
Grünland gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten veränderten Kulturlandschaften Europas. Über Jahrhunderte spielte es eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Landwirtschaft, die Bodenfruchtbarkeit und die Versorgung mit Lebensmitteln. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich seine Nutzung jedoch grundlegend gewandelt: Flächen gingen verloren, die Bewirtschaftung wurde intensiver und artenreiche Wiesen und Weiden wurden zunehmend seltener.
Grünland unterscheidet sich dabei grundlegend vom Ackerland: Es konkurriert meist nicht direkt mit der menschlichen Nahrungsmittelproduktion, sondern kann über Wiederkäuer zur Erzeugung hochwertiger Lebensmittel beitragen.
Zustand des Grünlands in Deutschland
Deutschland verfügt über rund 3,1 Millionen Hektar Grünland, das sind ca. 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Allerdings unterscheiden sich diese Flächen heute deutlich hinsichtlich ihrer Nutzung und ihres ökologischen Wertes.
Etwa die Hälfte des Grünlands wird hoch intensiv bewirtschaftet und dient vor allem der Futtererzeugung für Milchkühe. Diese Flächen werden häufig mehrmals jährlich gemäht, intensiv gedüngt und weisen meist nur eine geringe Pflanzenartenvielfalt auf. (Taube, 2026)
Die andere Hälfte besteht überwiegend aus mesophilem Dauergrünland, also mäßig nährstoffreichen Wiesen und Weiden. (Als Indikator wird die Beteiligung der Betriebe an der Ökoregelungen 4 und 5 genutzt). (Taube, 2026)
Besonders artenreiche und naturschutzfachlich wertvolle Grünlandbestände sind heute jedoch selten geworden. Nur noch etwa 20.000 Hektar (0,6 % des Dauergrünlands) werden als Dauergrünland mit hohem Naturschutzwert (High Nature Value Grassland) eingestuft. (Taube, 2026)
Entwicklung des Grünlands
Grünland spielte über Jahrhunderte eine zentrale Rolle für die Entwicklung der europäischen Landwirtschaft. Besonders das sogenannte Wechselgrünland mit zwei- bis dreijährigem Kleegrasanbau löste im 18. Jahrhundert die Brachewirtschaft ab und gilt als wichtiger Treiber der ersten „Grünen Revolution“. Durch die Integration von Kleegras in die Fruchtfolge stiegen Bodenfruchtbarkeit und Erträge deutlich an. (Taube, 2026)
Kleegras lieferte Stickstoff, erhöhte den Humusgehalt der Böden, unterdrückte Unkräuter und reduzierte durch die mehrjährige Nutzung den Arbeits- und Maschineneinsatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte dieses System noch einmal einen Aufschwung.
Mit der zunehmenden Mechanisierung der Landwirtschaft, der Verfügbarkeit mineralischer Stickstoffdünger und den Zuchtfortschritten bei Silomais verlor das Wechselgrünland jedoch seit den 1960er Jahren zunehmend an Bedeutung. Es wurde vielerorts durch Dauergrünland oder durch produktivere Ackerfutterkulturen wie Mais ersetzt. (Taube, 2026)
Die Entwicklung der vergangenen 50 Jahre zeigt einen deutlichen Wandel in der Grünlandnutzung. Während die Dauergrünlandfläche bis in die 1970er Jahre noch zunahm, ist sie seit 1979 kontinuierlich zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die Bewirtschaftung deutlich intensiviert. Treiber dieser Entwicklung waren insbesondere die Fortschritte in der Silomaiszüchtung sowie die steigende Bedeutung leistungsfähiger Ackerfutterkulturen. (Taube, 2026)
Die Intensivierung äußerte sich vor allem in höheren Stickstoffgaben und einer häufigeren Nutzung der Flächen. Aus ehemals ein- bis zweimal jährlich gemähten Wiesen wurden vielfach intensiv genutzte Mehrschnittsysteme mit mehr als drei Schnitten pro Jahr. Gleichzeitig ersetzte mineralische Düngung zunehmend die zuvor vorherrschende organische Düngung mit Mist. (Taube, 2026)
Schutzbemühungen der EU
Mit der GAP-Reform von 2013 hat die Europäische Union Maßnahmen zum Schutz des Dauergrünlands eingeführt, um dessen vielfältige Ökosystemleistungen stärker zu berücksichtigen. Trotz dieses Schutzes hat die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung in Europa jedoch zu einem deutlichen Verlust an Biodiversität und anderen ökologischen Funktionen des Dauergrünlands geführt. (Taube, 2026)
Traditionelle, artenreiche Wiesengesellschaften wie Glatthafer- und Goldhaferwiesen (siehe Bild links) gingen stark zurück und zählen heute zu den besonders schutzwürdigen Grünlandtypen.
Typische Pflanzenarten sind unter anderem der Wiesen-Pippau, Wiesen-Storchschnabel, Wiesen-Klee, Margerite, Wiesen-Bocksbart, Glockenblume, Flockenblume, Wiesen-Labkraut und Rote Lichtnelke.
Warum Grünland erst durch Wiederkäuer zur Nahrungsquelle wird
Menschen können Gras nicht verdauen. Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen besitzen jedoch durch ihre evolutionäre Anpassung ihres Verdauungssystems die Fähigkeit, daraus hochwertige Lebensmittel wie Fleisch und Milch zu erzeugen.
Dadurch erschließen sie eine Ressource, die für die menschliche Ernährung sonst nicht nutzbar wäre. Gleichzeitig bleiben Grünlandflächen als Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten erhalten und können durch den Humuserhalt und -aufbau zum Klimaschutz beitragen.
Werden Tiere mit für Menschen essbaren Futtermitteln gefüttert, entstehen aus Sicht der Humanernährung Verluste: Ein Teil der Energie und des Proteins geht im Stoffwechsel der Tiere verloren.
Ab welchem Verhältnis von Kraft- zu Grünfutter eine positive bzw. negative Bilanz in der Eiweißbilanz für die menschliche Ernährung entsteht, beschreibt die Proteinkonvertierungseffizienz. (vgl. Artikel Proteinkonvertierungseffizienz)
Fleisch aus graslandbasierter Rinderhaltung ist aus Sicht der Nährstoffnutzung für den Menschen hocheffizient. Werden Sie mit Futter aus dem Ackerbau gefüttert, sind sie Nahrungskonkurrenten des Menschen.
Fazit
Wiederkäuer, die hohe Leistungen auf der Basis von Grundfutter (graslandbasiert) erzielen und nur geringe Mengen an Kraftfutter benötigen, tragen dazu bei, Flächen, die für den direkten Anbau von Lebensmitteln für den Menschen meist ungeeignet sind, effizient zur Erzeugung hochwertiger Lebensmittel zu nutzen. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Ökosystemleistungen beweideten Graslands und damit zur Stabilität der Biosphäre.
Autorin
Lioba Degenfelder
Projektmanagerin Tierwohl, Nachhaltige Beweidung
Kontakt
Tel. +49 89 179595-17
ldegenfelder@schweisfurth-stiftung.de
Hier finden Sie die verwendeten Quellen
Quellenangaben
- EAT-Lancet Commission (2019) Healthy Diets from Sustainable Food Systems: Summary Report of the EAT-Lancet Commission. Stockholm: EAT. Available at: https://eatforum.org/eat-lancet-commission/ (Accessed: 3 June 2026).
- Taube, F. (2026) Dauergrünland für Lebensmittelerzeugung, Natur- und Klimaschutz in Wert setzen. Studie 26/02 im Auftrag des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz. Berlin: Wissenschaftlicher Beirat für Natürlichen Klimaschutz (WBNK). Available at: https://www.wissenschaftlicher-beirat-fuer-natuerlichen-klimaschutz.de/ (Accessed: 3 June 2026).
- Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) (2023) World Food and Agriculture – Statistical Yearbook 2023. Rome: FAO. Table 3: Agricultural Land by Use, 2021. Available at: https://openknowledge.fao.org/handle/20.500.14283/cc8166en (Accessed: 3 June 2026).
- IPCC (2019) Climate Change and Land: Summary for Policymakers. Geneva: IPCC. Available at: https://www.ipcc.ch/srccl/chapter/summary-for-policymakers/ (Accessed: 3 June 2026).