Virtuelle Zäune für eine digitale Weidewirtschaft

von Dr. Jörn Alphei

Das Einzäunen von Weidetieren ist unverzichtbarer Bestandteil der Landwirtschaft. Die Beweidung von Grünland sorgt dabei für den Erhalt ökologisch wertvoller, artenreicher Offenlandschaften und die Bereitstellung wichtiger Ökosystemleistungen. Auch aus Sicht des Tierwohls ist Weidehaltung gegenüber Stallhaltung i.d.R. vorzuziehen. Zugleich kann Beweidung für die Umwandlung von Gras, welches Menschen nicht verwerten können, in hochwertige Nahrungsmittel sorgen. 

Aufbau, Instandhaltung und Versetzen von herkömmlichen Zäunen sind allerdings arbeits- und zeitaufwendig, insbesondere in reliefreichem Gelände, auf naturnahen Weiden oder bei Bewirtschaftungsformen, die häufige Veränderungen der Weidegrenzen erfordern. Virtuelle Zaunsysteme dagegen leiten Weidetiere ohne physische Zäune und können bei Bedarf unaufwändig, schnell und flexibel den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden. Wie funktioniert dieser innovative Ansatz des Weidemanagements genau und wie kann er sinnvoll genutzt werden? 

Hinweis: Die technische Entwicklung virtueller Zaunsysteme schreitet ständig voran, ebenso wie die Forschung zu deren Anwendung. Dieser Beitrag fußt auf dem Wissenstand zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im September 2026.  

Kuh mit digitalem Halsband im Rahmen des virtuellen Zäunens

Virtuelles Zäunen erfolgt über Halsbänder, die akustische und elektrische Signale abgeben können, um Weidetiere innerhalb digital angelegter Grenzen zu halten.

Die Technik 

Virtuelles Zäunen erlaubt es, Tiere mithilfe spezieller Halsbänder ohne physische Zäune auf Weideflächen zu halten. Die Technik kombiniert globale Satellitennavigation (GNSS), Funkkommunikation mit einer Verhaltenskonditionierung der Tiere. Jedes Tier trägt einen wetterfesten GNSS-Tracker (i.d.R. als Halsband). Dieser erfasst die Position des Tieres, welche über eine Funkverbindung (z.B. Mobilfunknetz) an eine Webanwendung übermittelt und auf einer digitalen Landkarte dargestellt wird (Anderson, 2007; Umstatter, 2011; Wilms et al., 2024). Auf dieser Karte können virtuelle Weideflächen einfach eingezeichnet werden. Tiere mit Halsband können dann einer virtuellen Weidefläche zugewiesen werden. Innerhalb des Areals sind Auszäunungen (z.B. als Schutzzonen für seltenen Pflanzenarten) möglich. Nähert sich ein Tier einer virtuellen Grenze, erhält es ein akustisches Vorwarnsignal. Sofern das Tier nicht darauf reagiert und weiterläuft, folgt ein schwacher, aber unangenehmer elektrischer Impuls (deutlich schwächer als bei herkömmlichen elektrischen Zäunen).

Die Tiere erlernen sehr schnell die Funktionsweise der Technik.

Die Weidetiere lernen innerhalb weniger Tage, den virtuellen Zaun zu respektieren und elektrische Impulse zu vermeiden (Wilms et al., 2024; Hamidi et al., 2024; Musinska et al., 2025), ähnlich wie bei einem klassischen Elektrozaun, nur ohne physische Barriere. Grundsätzlich wird die Kombination aus akustischem Warnsignal und elektrischem Impuls maximal dreimal hintereinander abgegeben, dann werden weitere Signale deaktiviert und das Tier gilt als ausgebrochen. Gleichzeitig informiert die Anwendung die Nutzer*innen über den Ausbruch. Meist kehren die Tiere von selbst zur Herde und in den Weidebereich zurück. Forschungsergebnisse zeigen eine mit üblichen Elektrozäunen vergleichbare, hohe Hütesicherheit und keine negativen Auswirkungen auf Wohlergehen, Wachstum oder Bewegungs- und Verhaltensmuster der Tiere (Grinnell et al. 2026). Der Anteil an nötigen elektrischen Impulsen im Verhältnis zur Gesamtzahl an Audiosignalen beträgt bei trainierten Tieren in der Regel weniger als zwei Prozent (Fuchs et al., 2023; Harland et al., 2025a).

Virtuelle Zäune arbeiten grundsätzlich mit Satellitennavigationsystemen. Umgangssprachlich wird GPS (die amerikanische Satellitenkonstellation ‚Global Positioning System‘) dafür oft als Sammelbegriff genutzt.
Moderne Halsbänder kombinieren i.d.R. mehrere Satellitensysteme. Dadurch verbessern sich Genauigkeit und Verlässlichkeit gegenüber alleiniger GPS-Nutzung. Dafür wird der Überbegriff GNSS (‚Global Navigation Satellite System‘) verwendet.

Nutzung 

In einer Reihe von Ländern (USA, Australien, Neuseeland, Norwegen, Großbritannien, Irland, Finnland, Schweden, Spanien, Dänemark und Niederlande) findet virtuelles Zäunen mehr und mehr Eingang in die Praxis. In Deutschland ist die Anwendung derzeit nicht mit § 3 Nr.11 TierSchG vereinbar und nur zu Forschungszwecken möglich. Die nötige Technik wird derzeit von unterschiedlichen ausländischen Firmen beispielsweise aus Norwegen, Australien, Neuseeland, Schweden und den USA angeboten und die Systeme werden fortlaufend in einem expandierenden Markt weiterentwickelt (Goliński et al., 2023; Harland et al., 2025b). So sind etwa bald Halsbandsysteme erhältlich, die mit neuer Technologie eine noch präzisere Ortung ermöglichen sollen (Fa. Skygraze, Schweden) oder Systeme, die mit Skylink-Direktfunk über Satelliten nicht mehr auf Sendemasten für Mobilfunk angewiesen sind (Fa. Halter, Neuseeland).  

Die Entwicklung und Nutzung der Technologie wurde von Beginn an von Forschungsarbeiten begleitet, die zunächst deren Potential für extensiv genutzte Offenland-Weidesysteme im Blick hatten (Anderson, 2007). Zunehmendes Interesse gilt heute der Nutzung der Technologie für das Management intensiver Systeme, wie z.B. weidegebundener Milchproduktion (Verdon et al., 2021; Wilms et al., 2024; De Bruijn et al., 2025). Zudem beschäftigen sich neuere Arbeiten mit dem Potential des virtuellen Zäunens, die Vereinbarkeit von Weidewirtschaft und Naturschutz zu verbessern (Riesch et al., 2026; Jauker et al., 2025; Bennett et al., 2026). Begleitet wird die Entwicklung von Studien zur Wirtschaftlichkeit des virtuellen Zäunens unter verschiedenen Nutzungsszenarien (Kiefer et al., 2025; Maritan et al., 2026). 

Vorteile 

Virtuelles Zäunen ermöglicht es Landwirt*innen, Weidezonen sehr einfach über eine Webanwendung auf mobilen Endgeräten anzupassen. Insofern erweisen sich virtuelle Zaunsysteme als besonders vorteilhaft für Formen dynamischer Weidebewirtschaftung (wie z.B. Portions- oder Streifenweidesysteme und Rotationsweiden), die arbeitsintensive Anpassungen der Zäune erfordern (Verdon et al., 2021; Grinnell et al., 2025). Auch für große Herden auf ausgedehnten Weideflächen kann virtuelles Zäunen die Weideeffizienz steigern bei gleichzeitigen Einsparungen von Arbeits- und Materialkosten für den Zaunbau (Kiefer et al., 2025). Großes Potential hat die Technologie auch für die Bewirtschaftung von Grünland in Naturschutzgebieten, wo Zäunen ggf. nicht erlaubt ist, oder für die präzise Einrichtung von räumlich-zeitlich flexiblen Auszäunungen zum Schutz ökologisch sensibler Landschaftsbereiche wie z.B. Wiesenbereiche mit Bodenbrütern, erosionsgefährdete Flächen, Uferbereiche, etc. bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Nutzbarkeit der Weideflächen (Schillings et al., 2024; Murray et al., 2025; Riesch et al., 2026). Auch in schwer zugänglichen oder gebirgigen Weidegebieten, wo Zäunen sehr arbeits- und zeitaufwendig ist, können Tiere mit virtuellen Zäunen leicht und sicher von erosionsgefährdeten oder verletzungsträchtigen Bereichen ferngehalten werden (Fuchs et al., 2025). Zudem ist mit der Technologie auch das Monitoring von Bewegungs- und Verhaltensmustern zur Ableitung von Informationen zur individuellen Tiergesundheit möglich (Wilms et al., 2025). 

Elektrozaun mit Kuh im Hintergrund

Die innovative Technologie bietet Flexibilität bei der Bewirtschaftung von Weideflächen und senkt die mit herkömmlichen Zäunen verbundenen Arbeitskosten.

Weitere Potentiale 

Virtuelle Zäune können, insbesondere in Verbindung mit anderen „smart farming“ Techniken (z.B. aus Drohnenbildern gewonnene Daten zum Pflanzenzustand), einen wertvollen Beitrag zur zeitgemäßen Weiterentwicklung des Weidemanagements leisten. Die innovative Technologie bietet Flexibilität bei der Bewirtschaftung von Weideflächen und senkt die mit herkömmlichen Zäunen verbundenen Arbeitskosten. Insofern hat sie das Potential, die Beweidung von Grünland wieder attraktiver zu machen und dem Trend zur Stallhaltung entgegenzuwirken, womit auch dem Tierwohl gedient wäre (Umstatter et al., 2015; Kiefer et al., 2025). Gleichzeitig kann die Technik die Umsetzung von Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit und Biodiversität in Graslandökosystemen vereinfachen (Wätzold et al., 2025).  

Zuverlässige und langlebige GNNS-Halsbänder sind Voraussetzung für den Einsatz der Technik in der Praxis.

Einschränkungen 

Beim virtuellen Zäunen sind Erfolg und langfristige Akzeptanz bei Anwender:innen insbesondere von der Zuverlässigkeit und Langlebigkeit der eingesetzten Halsbänder abhängig (Gadzama et al., 2025). Da die Technik auf GNSS-Tracking der Weidetiere beruht und die Weiterleitung der Signale an die Webanwendung i.d.R. über Mobilfunkverbindungen erfolgt, sollten die topographischen Bedingungen eine störungsfreie Signalübertragung erlauben und eine stabile Netzanbindung gewährleistet sein. Ebenso sollten Qualität, Genauigkeit und mögliche Ausfälle des Ortungssignals, etwa in Gebieten mit dichtem Wald oder tiefen Tälern, berücksichtigt werden. Andernfalls müssen aufwändigere Alternativlösungen, wie etwa zusätzliche Sendemasten oder Starlink-Internet, gefunden werden. Die Energieversorgung der Halsbänder ist heute i.d.R.  über langlebige, solarbetriebene Akkus für die gesamte Weidesaison sichergestellt.  

Virtuelle Zäune können derzeit noch nicht in allen Ländern die physischen Außenzäune z. B. entlang von Straßen, Bahnlinien oder Betriebsgrenzen ersetzen (May et al., 2024). In Deutschland ist und bleibt wohl auch weiterhin im Regelfall ein Außenzaun aufgrund von Haftungsfragen und Versicherungsrecht notwendig. 

Zudem ist die Einführung der Technik mit hohen Anfangsinvestitionen verbunden, insbesondere bei größeren Herden (Goliński et al, 2023; Kiefer et al., 2025). Daher würde eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit sicher zur breiteren Anwendung in der Praxis, sofern zugelassen, beitragen (Horn & Isselstein, 2022).  

Elektrozaun

Ein Kostenfaktor bei üblichen Elektrozäunen ist die nötige Arbeitskraft zum Setzen und Verschieben der Weidegrenzen.

Ökonomische Aspekte 

Grundsätzlich zahlt sich Weidemanagement dann aus, wenn kostengünstiges Grünfutter effizient genutzt werden kann. Eine der Herausforderungen dabei ist die zeitlich und räumlich passende Bereitstellung von frischem Grünfutter. Ein Kostenfaktor bei üblichen Elektrozäunen ist die nötige Arbeitskraft zum Setzen und Verschieben der Weidegrenzen (Umstatter, 2011). Durch virtuelle Zäune entfällt der Bedarf an physischer Infrastruktur, wodurch langfristig Arbeits- und Materialkosten gesenkt werden können.  

Die marktverfügbaren virtuellen Zaunsysteme folgen alle dem gleichen Grundprinzip, unterscheiden sich aber bezüglich einzelner Komponenten sowie bei Leistungsangebot und Preisgestaltung. Ein pauschaler Kostenvergleich zwischen virtuellen Zaunsystemen im Vergleich zu üblichen Elektrozäunen ist insofern schwierig, da konkrete Preise je nach der aktuellen Marksituation schwanken und bei Kalkulationen für einen praktikablen Einsatz auch technische Aspekte und eine individuelle Bewertung der betrieblichen Bedingungen berücksichtigt werden sollten (Kiefer et al., 2025; Maritan et al., 2026). 

Rentabilität der Investitionskosten 

Die anfänglichen Investitionskosten sind hoch und im Detail vom Anbieter abhängig. Benötigt werden i.d.R. ein mobiles Endgerät mit Mobilfunkvertrag, Halsbänder für alle Tiere, eine Anwendungssoftware und ein Wartungsvertrag. Allein die Kosten für ein Rinderhalsband inkl. Softwarelizenz liegen derzeit (Stand September 2026) in der Größenordnung von ca. 250-300 Euro für das erste Jahr und weiteren ca. 40 Euro Gebühren pro Folgejahr. Diese hohen Anschaffungskosten sollten in Beziehung gesetzt werden zu den regelmäßig anfallenden Material- und Arbeitskosten für übliche Elektrozäune. Virtuelle Zaunsysteme machen herkömmliche Zaunmaterialien – z. B. bei Aufteilung von Portionsweiden oder Auszäunungen – und die damit verbundenen Wartungskosten größtenteils überflüssig, was im Laufe der Zeit zu Einsparungen führen kann. Ein Außenzaun, etwa entlang von Straßen, wird dennoch notwendig bleiben. Wenn zusammen mit virtuellen Zäunen ein flexibleres Weidemanagement eingeführt wird, kann dies über eine verbesserte Weidenutzung die Leistung der Tiere günstig beeinflussen (Goliński et al., 2023). Die Wirtschaftlichkeit von virtuellen Zäunen wird insofern mitbestimmt von der Betriebsgröße, der Herdengröße und Haltungsform, der Weideflächenverteilung und der gewählten Technologie (Kiefer et al., 2025; Maritan et al., 2026). 

Kühe mit digitalem Halsband im Rahmen des virtuellen Zäunens

Das Wohlergehen der Tiere ist entscheidend für die Akzeptanz der Technik in betrieblicher Praxis und Öffentlichkeit.

Tierwohl-Aspekte 

Das Wohlergehen der Tiere ist ein entscheidender Aspekt für die Bewertung und Akzeptanz des virtuellen Zäunens sowohl in der Praxis der landwirtschaftlichen Betriebe als auch in der Öffentlichkeit und insofern Gegenstand vieler Studien (Wilms et al., 2024; Musinska et al., 2025). 

Durch die leichte Bauweise der meisten modernen Halsbänder für Rinder – mit Gewichten knapp über einem Kilogramm (z.B. Nofence oder Monil), liegen sie unterhalb von 3 % des Körpergewichts und haben mit diesem Gewicht keine Auswirkungen auf das Verhalten und die Gesundheit der Tiere (Wilson et al., 2021). Es ist jedoch wichtig, die Halsbänder beim Anlegen auf die Größe des Tieres anzupassen und ihren Sitz regelmäßig zu kontrollieren. Dies ist insbesondere bei jungen, noch wachsenden Tieren erforderlich. Andernfalls könnte das Halsband zu eng werden und das Risiko für Hautirritationen steigen (Hamidi et al., 2022; Wilms et al., 2024). 

Der beim virtuellen Zäunen nach dem vorgeschalteten akustischen Warnsignal bei Bedarf eingesetzte schwache elektrische Impuls ist unangenehm und kann die Tiere vom Überschreiten der virtuellen Grenze abhalten (Umstatter, 2011). Die Forschung zeigt, dass die Tiere innerhalb weniger Tage lernen, die akustischen Signale mit dem elektrischen Impuls zu assoziieren und durch Abwenden von der virtuellen Zaunlinie den elektrischen Impuls zu vermeiden. Beleg dafür ist das schnell abnehmende Verhältnis von elektrischen zu akustischen Signalen, wenn die Tiere lernen, schon auf das Tonsignal zu reagieren (Campbell et al., 2019; Wilms et al., 2024; Hamidi et al., 2024). Beobachtet wird aber auch eine individuelle Variabilität bei der Anzahl an Zauninteraktionen und Impulsen, die vermutlich mit unterschiedlichen individuellen Eigenschaften der Tiere zusammenhängt (Hamidi et al., 2023). 

Keine Hinweise auf Beeinträchtigung des Tierwohls im Vergleich zu physischen Zäunen 

Die je nach Hersteller unterschiedlichen Impulsenergien liegen zwischen 0,1 und 0,3 Joule und damit um ein Vielfaches niedriger als bei herkömmlichen Elektrozäunen (Fuchs et al., 2023). In einer Studie mit Milchkühen erlernten die Tiere das virtuelle Zaunsystem in drei Tagen. Milchertrag, Stresshormonkonzentration, Nahrungsaufnahme, Körpergewicht sowie Aktivitätsmuster unterschieden sich dabei nicht von den mit üblichem Elektrozaun gehaltenen Vergleichsgruppen (Fuchs et al., 2023). Ebenso fand eine Übersichtsstudie zu Fachveröffentlichungen im Zeitraum von 2015 bis 2022 (Wilms et al., 2024) keine signifikanten Unterschiede zwischen virtuell und physisch eingezäunten Rindern bezüglich verschiedener Indikatoren für das Wohlergehen  der Tiere, einschließlich der Stresshormonkonzentration, wobei einige Studien sogar von geringeren Stressniveaus in Herden mit virtueller Einzäunung berichteten. Auch jüngere Studien belegen übereinstimmend, dass virtuelle Zäune im Vergleich zu herkömmlichen physischen Zäunen keine negativen Auswirkungen auf das Tierwohl haben (Musinska et al., 2025). Die nicht ganz so eindeutigen Ergebnisse von Liffen et al. (2026), die geringere Wachstumswerte für virtuell umzäunte Milchfärsen fanden, lassen sich gut mit dem unbeabsichtigten Zugang zu frischem Weidefutter für die konventionell gezäunte Vergleichsgruppe im Versuchsablauf erklären. Die Autoren stellten dagegen keine Verhaltensanzeichen für ein beeinträchtigtes Wohlergehen bei den virtuell umzäunten Tieren fest. 

In der Gesamtschau führen virtuelle Zäune also nicht zu chronischem Stress bei Weidetieren. Selbst beim Erlernen der virtuellen Grenzen unterschieden sich Stresslevel und Weideverhalten der Tiere nicht zwischen virtuellen Zäunen und üblichen Elektrozäunen (Hamidi et al., 2024; Fuchs et al., 2025; Grinnell et al., 2026). Ein sorgfältiges Management während der Eingewöhnungsphase unterstützt das Lernverhalten und minimiert damit mögliche Stresssituationen. 

Kiebitzgelege mit vier Eiern

Virtuelle Zäune ermöglichen flexibles und gezieltes Auszäunen, etwa zum Schutz gefährdeter Arten – wie hier am Beispiel eines Kiebitzgeleges.

Ökologische Aspekte 

Eine extensive Weidewirtschaft kann zum Erhalt naturnaher Graslandschaften beitragen, die wiederum wichtigen Lebensraum für viele, heutzutage oft auch gefährdete Arten bieten. Virtuelle Zäune können hier Schutzmaßnahmen, bspw. durch Auszäunungen ökologisch sensibler Bereiche (Flussufer, Feuchtgebiete und Bereiche mit schützenswerten Pflanzen- oder Tierarten), zielgenau ermöglichen, die mit herkömmlichen Zäunen aufgrund des hohen Arbeitsaufwandes nur schwer oder gar nicht realisierbar wären (Murray et al., 2025; Riesch et al., 2026; Bennett et al., 2026). Virtuelles Zäunen unterstützt eine präzisere Weidebewirtschaftung, die sich positiv auf Boden- und Vegetationsentwicklung sowie die Biodiversität auswirken kann (Isselstein et al., 2007; Jauker et al., 2025). Durch temporären Ausschluss kleiner Flächen von der Beweidung können ökologische Schäden durch Überweidung reduziert, die strukturelle und organismische Diversität erhöht und die Bodenstabilität gefördert werden (Wätzold et al., 2024).  

Auch wenn die erwarteten Effekte durch den umgebenden Außenzaun etwas eingeschränkt werden, so verringert auch der teilweise Verzicht auf physische Zäune die Fragmentierung der Landschaft und erleichtert Wildtieren die Nutzung von Korridoren und Trittsteinbiotopen in der Landschaft. Die Migrationswege zwischen saisonalen Habitaten und die Bewegungsfreiheit von Wildtieren werden weniger gestört und das Verletzungsrisiko sinkt, was insgesamt zu einer natürlichen Entwicklung der Populationsdynamiken auf Landschaftsebene beitragen kann (Wätzold et al. 2024; Bennett et al. 2026). 

Rechtliche Aspekte 

Die Nutzung virtueller Zäune ist in Deutschland derzeit (September 2026) nicht zugelassen und ein Einsatz der Technik ist nur mit entsprechender Antragstellung zu Forschungszwecken möglich. Insofern besteht erhebliches Interesse, einen umfangreicheren Einsatz virtueller Zaunsysteme rechtssicher zu ermöglichen, damit sich deren Potenzial für eine effiziente und ökologisch nachhaltige Grünlandbewirtschaftung entfalten kann. 

Obwohl in Deutschland seit 2019 zu virtuellen Zaunsystemen geforscht wird (z.B. in dem von der Universität Göttingen koordinierten Projekt GreenGrass) könnte die Landwirtschaft ohne eine klare, innovationsfreundliche rechtliche Regelung zur Nutzung virtueller Zaunsysteme künftig wissenschaftlich und wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten. 

Ein gemeinsames Positionspapier will für Akzeptanz sorgen.

Gibt es Perspektiven? 

Um Anwendungsmöglichkeiten zu erweitern und die Akzeptanz für die Technologie zu erhöhen, wäre eine schrittweise, innovationsfreundliche und praxisnahe Anpassung des Rechtsrahmens wünschenswert, etwa eine ausdrückliche, gesetzliche Anerkennung virtueller Weidezaunsysteme im Tierschutzgesetz, oder die Einführung von Leitlinien und Zertifizierungsverfahren. Um Rechtsunsicherheiten zu beseitigen, wäre eine klare gesetzliche Regelung sinnvoll. Denkbar wäre eine Erprobung entsprechender Regelungen im Rahmen bundesweiter Pilotprojekte, landesrechtlicher Ausgestaltungen oder agrarrechtliche Vereinbarungen. Auf diese Weise könnte die Technologie sich unter den praktischen Bedingungen der Landwirtschaft in Deutschland bewähren und die Chance bekommen, ihr volles Potenzial für eine ökologisch nachhaltige, wirtschaftlich tragfähige und ethisch verantwortungsvolle Landwirtschaft zu entfalten (Martínez & von Nolting, 2026). Um diesem Ziel näherzukommen, haben sich jüngst alle in Deutschland zum Thema virtuelles Zäunen forschenden Projekte und Einrichtungen in einem auf wissenschaftlicher Evidenz basierenden, gemeinsamen Positionspapier geäußert (Hamidi et al., 2026).

Autor

Dr. Jörn Alphei

Jörn Alphei arbeitet in der Abteilung Graslandwissenschaft des Departments für Nutzpflanzenwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen. Er ist promovierter Diplom-Biologe (Schwerpunkte Zoologie/Ökologie/Bodenkunde) und arbeitet derzeit für das Projekt GreenGrass.

Kontakt
joern.alphei1@uni-goettingen.de 

Weiterführene Informationen

Der GreenGrass-Verbund

Das von der Universität Göttingen koordinierte Forschungsprojekt GreenGrass wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Rahmen des Programms „Agrarsysteme der Zukunft“ gefördert. Das Vorhaben wird getragen von einem transdisziplinären Verbund aus den Universitäten Göttingen, Gießen, Köln, Hohenheim, Cottbus und HU Berlin sowie dem Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen e.V. und den Wirtschaftspartnern horizont group GmbH und Texas Trading GmbH. 

Das GreenGrass-Projektkonsortium beschäftigt sich mit Möglichkeiten zur nachhaltigen Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung. Dazu werden innovative „smart farming“ Technologien erforscht und entwickelt. Ziel ist, die Nutztierhaltung nachhaltiger und tiergerechter zu gestalten und dabei die Ökosystemleistungen des Grünlands gezielt zu nutzen und zu fördern und somit zu zentralen Zielen der Nachhaltigen Entwicklung in der Landwirtschaft beizutragen. 

Mehr unter: www.greengrass-project.de

 

Hier finden Sie die verwendeten Quellen

Quellenangabe
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